Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1847)
- Date
- 1847-09-06
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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560 zwei Augen sich geschloffen, die Augen des Versorgers, zwei Hände im Grabe modern, die Hände des Erwerbers ... und nun sind die Mittel nacheinander verzehrt, und der Mangel grinset am Abend, daß die schwache Mutter den Kindern kein Stücklein Brodes reichen kann, bevor sie das ärmliche Lager suchen; und der Mangel grinset am Morgen, wenn der fröhlich aufgegangene Tag nur Sonnenlicht und warme Luft bringt, aber kein Brod; und es ist keine Aussicht vorhanden, daß es anders werde, als bis einst die Kinder erwachsen sind — wenn sie bis dahin nicht verkümmerten — und das ist noch eine weite Ferne ... und so kommet nur dann und wann eine Hilfe, sei es durch einen zufälligen Erwerb, sei es durch eine Gabe aus Menschenhand; und dann schlagen die Herzen leichter, aber nur einige Tage, bis jene verzehrt ist, und der durchschrittene Raum abermals zu durchschreiten ist... ach, die Erinnerung an bessere Tage stillet den Hunger nicht, sondern verschärft ihn; der keusche Stolz der Familie ist längst gebrochen, und neigte das Haupt tief nieder vor dem Schreien der Kinder nach Brod.... Dann, mein Leser! kennest Du das Siechthum? ... Ich meine nicht die Krankheit, die auf seidene Polster sich lagert, und die bittre Arznei aus vergoldeten Löffeln nimmt; auch nicht die, welche irgend ein Glied der Familie auf Wochen befällt, und in raschem Verlaufe das Auge der Wachenden bald entweder mit den Freudenthcänen der Genesung oder mit den Kummerzähren des Verlustes füllt ... ich meine das Siechthum in den Hütten der Armuth, wo aus allzulangem Kampfe mit Sorgen und Aengsten, aus allzuhartec Entbehrung an gesunder und kräftiger Nahrung und allem dem, was das Herz erfrischt und die Sehnen stählt, eine langsame Zehrung sich entwickelte, und irgend ein geliebtes Mitglied der zusammengedrängten Familie niederstreckte; daß der Tod ein langdauerndes Fest feierte, und seine schrecklichen Boten: Verschmachten und Aufreiben und immer wiederholte Aufopferung, lange vor seiner Ankunft vorausschickte. ... Wende Dich nicht ab, mein Leser! da ich Deine Hand ergreife, Dich in die schmale Pforte einer solchen Hütte zu führen; wende Dich nicht ab.... Siehe, der Herr hat sich solche Hütten erwählet, um seine höchsten Offenbarungen kund zu thun; hier will er zeigen, was die Liebe ist, was die Liebe kann, die er als eine Bürgschaft des Himmels, als ein Pfand der Unsterblichkeit dem Menschengeiste mitgab, da er ihn auf die Erde sandte; siehe, hier strömet ein Lichrglanz, der allen Goldglanz irdischer Pracht zu mattem Scheine wandelt; hier wehet eine Luft, die des Dufts der Lilien und Rosen entbehren kann, um zu erquicken, um den Glauben zu stärken, um die beseligende Ueberzeugung in die Seele zu gießen: wir sind nicht Staub vom Staube!... Nein! nicht auf Schlachtfeldern, wo der Mensch nur seine Kunst zu vernichten und die Kraft, sein Blut zu verströmen für seine Wahngebilde, erweiset; nicht in den hochgewölbten, goldgeschmückten Sälen, wo Habsucht und Eitelkeit ihre Throne aufgeschlagen haben; nicht in den bunten, zierlichen Boudoirs, wo die Jntrigue der Wollust die Wege ebnet; nicht in den Kabinettern der Minister und Diplomaten, wo das Wohl der Völker wie ein Rechenexempel beklügelt wird; ... wissen wir es denn nicht, daß der Mensch erfahren und geschickt genug ist, seine innere Armuth mit äußerem Reichthum, und Holz und Stein mit Sammet und Goldsransen künstlich zu übeckleiden, um der schaulustigen Menge Bewunderung abzugewinnen.... In den Hütten ist es, wo die Kammern des Menschenherzens sich erschließen, um die Siegesgewalt der Liebe zu offenbaren; wo das Gemüth arbeitet, um seine Flügel zu lüften; wo das Herz kämpft, Opfer annehmen zu lassen, und zu verweigern, sie anzunehmen; wo eigene, ach! so gerechte Wünsche unterdrückt werden, um einen kleinen Wunsch Anderer zu befriedigen ... in den Hütten ist es, wo die Mutterliebe ihre erhabensten Feste feiert, wenn die vom Wachen ermüdeten Augen am Gedanken sich ermuntern, die Kindlein wirst Du sättigen; wo die Kindesliebe zum Himmel erhöht, wenn sie eine duftende Feldblume auf das Herz der schlafenden Eltern legen kann; wo die Geschwisterliebe die Lippen der Kinder küßt, daß sie sich tragen und leiten und bewachen; wo die Gattenliebe all ihre unüberwindliche Kraft bewahrt, um einen Augenblick der Freude zu bereiten, nach vielen Tagen des Kummers, und den Himmel rein zu wehen, auch wenn das dunkele Gewölk immer wieder heraufbricht ... in den Hütten ist es, wo die Versuchung kommt ... nicht im Gefolge des Müfsiggangs und der Schwelgerei, nicht in Begleitung des Flitterstaates und entnervenden Wohlgeruchs ... sondern wo sie anklopft mit dem Stabe des Hungers, und wo sie hineinstürmt mit dem Schwerte der Entbehrung, und wo sie sich hinpflanzt, in der einen Hand die Hoffnungslosigkeit, in der andern die Hilfe ... und wo sie dennoch zurückge-