Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 37 (6.9.1847)
- Date
- 1847-09-06
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
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557 zwingen auf diese Ansicht einzugehen, ist ein ebenso widerwärtiger Anblick. Ja, das preußische Judengesetz ist ein Fortschritt; denn es zahlt 75 Prozent auf eine fast verloren gegebene Schuld und giebt gegründete Hoffnung auf den Rest; und, Alles genau erwogen, wird es weit erfreulicher sein, wenn wir in zehn Jahren mehrere Hundert Juden im preußischen Staatsdienste im Post-, Finanz-, Berg-, Bau-, Forst-, Zollfach u. s. w. sehen, als zu derselben Zeit etwa drei Gcldjuden im englischen Parlament. Daneben hat ein guter Gott uns davor geschützt, daß die jüdischen Geistlichen Staatsbeamte geworden, und er hat sogar das Zivilstandsregistcr vor ihren Händen bewahrt. Wie es aber mit der jüdischen Zivilehe gemeint ist, das wird wol noch vieler Auslegungen bedürfen. Daß hundert ausgediente Ehehindernisse bei den Juden Wegfällen, z. B. die Ehaliza, die Kohanimverbote u. s. w. liegt wol am Tage; aber wie ist das Wort Zivilehe überhaupt zu verstehen, wenn z. B. keine gemischten Ehen ftattsinden, und dennoch die Proklamanden der Justizbehörde ihren gleichnamigen Religionsstand beweisen müssen? Ich begreife, wie man, vom Gesichtspunkt der kirchlichen Ehe ausgehend, zwei Personen von verschiedenem Glauben für unvereinbar halten kann, aber wie das vom bloßen Zivilstandpunkt aus? Wir haben hier fast ein halbes Jahr lang in den Lokalzeitungen Debatten über die Zulassung der Juden zu den zünftigen Handwerken — es giebt deren hier 36 — gehabt: ob irgend eine bessere Ueberzeugung dadurch Verbreitung gefunden hat, muß die Zeit lehren. Im nächsten Herbste wird die „Gesellschaft für soziale und politische Interessen der Juden" wol wieder mehr Leben in die Sachen bringen, bis jetzt hat sie mit ihren praktischen Unternehmungen wenig Glück gehabt. Im Tempel hat vor Kurzem der Herr l)r. Krüger, früher Lehrer am Seminarium zu Berlin, nachher Prediger (in englischer Sprache) der Gemeinde zu Manchester, eine Gastpredigt mit entschiedenem Beifall gehalten. Es ist sehr zu wünschen, daß der gelehrte Mann bald eine seiner würdige Stellung einnehme. Bekanntlich werden die Stellen im Tempel jedesmal auf 3 Jahre und zwar meistbietend vermiethet, was denn auch gegenwärtig der Fall ist. Nun verbreitete sich seit einigen Wochen das Gerücht, die Verwaltung beabsichtige mehrere namhafte Veränderungen einzuführen, z. B. Abschaffung des Gottesdienstes am Freitag Abend, Weglassung der Mussafim, des Purim- und des Tischea-beab-Gottesdienstes, die Aliot sollten entweder ganz aufgehoben oder alle sieben Gerufene zugleich zur Tora kommen u. dgl. m. Dies veranlaßte eine Anzahl von der konservativen Fraktion des Tempelvereins, ihre Stellen aufzukündigen, bis die Verwaltung durch eine besondere Bekanntmachung die ganze Absicht öffentlich in Abrede stellte. So fand denn die Vermiethung wie gewöhnlich statt, ohne daß indeß einiger Wortwechsel ganz ausblieb. Psychologisch ist der Vorgang keine unerhebliche Erscheinung: das sind die alten obslinsti die obwol hier auf einem modernen Standpunkt stehend, doch in sacris sich keine Autoritätsschlinge über den Kopf werfen lassen, und alle unsere Reformatoren von der Gattung, die mehr nach außen hin kokettirt als nach innerer Befriedigung strebt, mögen eine Lehre daraus ziehen. Was den Standpunkt des Tempels selbst betrifft, so kann es seinen wahren Freunden nur erfreulich sein, daß so viel Anhänglichkeit für seine Formen darin herrscht, und daß die Gemeinde erschrickt vor der Möglichkeit von Aenderungen, die, ob sie auch an sich nicht erheblich sein mögen, doch leicht die Brücke schwächen könnten, die sie mit ihren übrigen israelitischen Brüdern verbindet. Im Ganzen kann man sagen, der hiesige Tempel will nichts Wichtiges weiter ändern, nicht weil es ihm zu schwer, sondern gerade weil es ihm zu leicht ist. Das projektirte Schulgesetz ist vor einigen Monaten von der Bürgerschaft verworfen worden. In den Motiven zum Entwürfe war die Weigerung der Juden, darin mitbegriffen zu sein, in einem falschen und uns nachtheiligen Lichte dargestellt worden, weshalb denn eine berichtigende öffentliche Erklärung von Rießer — jetzigem Mitgliede des Gemeindevorstandes — erschien und auch sonstige, eine Satisfaktion verlangende Schritte geschehen sind. Durch Zufall erfahre ich aus zuverlässiger Quelle, daß die Anzahl jüdischer Beerdigungen in Paris (und es lassen sich alle Juden ohne Ausnahme jüdisch beerdigen) nur ungefähr 260 im Jahr beträgt, daher denn höchstens 10,000 Juden in Paris existiren. Wäre es nicht approximativ zu berechnen, wie viel jüdisches Blut seit etwa 1600 Jahren in das germa-