Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 36 (30.8.1847)
- Date
- 1847-08-30
- Page
- Seite 548 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Es heißt nun zwar in den neuen für die Juden entworfenen Gesetzen, daß bei dem Magistrate einer jeden Stadt, Ln welcher Juden wohnen, auch Juden als Mitglieder sitzen, und die Angelegenheiten ihrer Glaubensgenossen vertreten sollen. Allein für die Juden in Rußland ist die Aufhebung der Kahals ein entschiedenes Unglück. Denn fangen wir bei den Steuern an, die an die Krone zu zahlen sind, so kennen wir allesammt die ungeheure Armuth der russischen Juden, unter denen es so Viele giebt, die in ihrem ganzen Leben vielleicht auf einmal nie über zehn Rubel zu verfügen hatten. Die Gemeinden, um für diese Unglücklichen zu zahlen und die sich stets anhaufende Schuld zu tilgen, hatten nun überall die Einrichtung getroffen, Gemeindesteuern auf den Verbrauch des Koscherfleisches, die Sabbatlichter, neuer Kleider und anderer Gegenstände zu legen, die natürlich größtentheils wieder der Bemittelte und Reiche trugen; langten auch diese Summen, die in den großen Städten oft auf 30—40,000 Rub. S. sich beliefen, zur Deckung der Kronssteuern noch nicht hin, so wurden von den Kahals Versammlungen der angeseheneren Mitglieder berufen, und freiwillige, sehr bedeutende Beiträge erhoben. Obwot fast nur sehr wenige Gemeinden dennoch von Kronsschulden frei sind, so waren die Karobka's (Fleisch-, Lichtrc. Steuern) doch eine sehr große Hilfe für die Armen, und hart, sehr hart wird die Aufhebung der Kahals daher auf dieselben drücken. Denn durch die neuen Gesetze, die den Juden auf jede Weise beschranken, wird ihm die Erwerbsmöglichkeit von Tag zu Tag mehr benommen; er verschuldet also immer stärker, und was wird die Regierung am Ende anders thun, als daß sie, um sich bezahlt zu machen, ein Gesetz edirt, daß jeder Jude, der der Krone eine gewisse Summe schuldet und dieselbe nickt abtragen kann, zum Soldaten genommen werden solle. Man hatte schon ein solches Beispiel in Wilna, wo die jüdische Gemeinde der Krone sehr verschuldet war, und Letztere kurz vor dem Ausbruche der polnischen Revolution anordnete, daß die Gemeinde, um die Schuld zu tilgen, eine große Anzahl Rekruten stellen solle. Der Jammer in Wilna war herzzerreißend, da bei der Erfüllung des Ukases keine Familie verschont bleiben konnte. Da brach die Revolution aus; die russischen Generale forderten die Juden auf, zur Unterdrückung derselben mitzuwirken, diese lehnten es aus dem Grunde ab, sie wären mit ihrem eignen Unglücke zu sehr beschäftigt, um auf etwas Anderes ihren Sinn zu richten — und die Krone nahm den Ukas zurück, um den Vorwand der Juden zu beseitigen. Allein das, wenn auch nur angedrohte, Beispiel zeigt uns deutlich, was zu erwarten steht. — Wie es mit den Steuern geht, so wird es nun auch mit den Rekruten gehen. Wie jeder Adelige das Recht hat, aus seinen Sklaven die schlechtesten Kerle zu wählen und mit ihnen die ihn treffende Rekrutenanzahl zu decken, so konnten, wie schon oben bemerkt, auch die jüdischen Kahals die nutzlosesten Subjekte wählen und sie zur Armee schicken. Es war dies ein doppelter Vortheil, denn einmal wurde man des Gesindels los, zweitens verschonte man so viel als möglich wenigstens die besseren Familien. Nun da die Rekrutenaushebung aber in den Händen der Magistrate und der Regierungsbeamlen liegt, so werden diese gerade aus den reicheren Familien wählen, und dann erst den gesetzlich vorgeschriebenen Geschäftsgang einschtagen. Und da die Juden kaum die Mittel haben werden, lange Zeit Solchem zu genügen, so werden Viele zur Taufe gehen, da diese von Rekrutenpflichtigkeit zuweilen rettet. — Die Juden entbehren somit aller korporativen Vertretung, da sie btos in den polnischen Provinzen wohnen, hier keine Freunde haben, und also bei den Magistraten in die Hände ihrer Gegner gerathen sind. Wenn man den Kahals vorwarf, daß bald hier und da ein Defizit sich herausstellte, so darf man ja nicht glauben, daß die Leute selbst Etwas einsteckten; es ging Alles in die Kasse der Beamten. Am Neujahr da muß der größte Theil von ihnen reich beschenkt werden; an Geburts- und Namenstagen desgleichen; wurde das versäumt, so kamen der polizeilichen Plackereien so viele über die Juden, daß man gern herausrückte; womit sollten diese Ausgaben aber bestritten werden, als mit den Gemeindegeldern, ohne daß man diese bedeutenden Ausgaben beim Namen nennen durfte? Fehlte dann das Geld, so hieß es: die Kahals sind treu- und gewissenlos; sie machen Unterschleife; man muß die Gemeinden von diesen jüdischen Betrügereien retten und die Kahals aufheben. Und so ist der Russe immer Ursache und Wirkung zugleich, zu seinem Vortheile und zum unbedingten Nachtheile der Unterdrückten; so ist die Aufhebung derKahals ein entschiedenes Unglück für die Juden, da die Plackereien fortdauern, die Mittel aber nicht vorhanden sein werden, sie abzuleiten. Es leuchtet von selbst ein, daß durch dieses Aufheben der Kahals die bürgerlichen Verhältnisse der Juden sich verschlechtern müssen, der letzte Punkt, den wir in dieser allgemeinen Uebersicht zu behandeln haben. Die Juden