Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 31 (26.7.1847)
- Date
- 1847-07-26
- Page
- Seite 480 (sequence 12)
- Language
- German
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480 je nachdem es ihnen bequem ist oder der eine und andere Freund und Stimmführer sie für Dieses oder Jenes eben zu gewinnen suchte. So weh es mir thut es aussprechen zu müssen, aber die Sachlage iss nun einmal so und wird durch Schweigen höchstens verdeckt, keineswegs geheilt. Der ungarische Jude nimmt täglich nicht nur an Religiosität und Frömmigkeit, sondern auch an Moralität und Sittlichkeit ab und zwar eben durch die umsichgreifende Aufklärung. Das scheint Ihnen unbegreiflich? Die Sache ist ganz natürlich und in unseren Umständen begründet. Die s. g. Aufklärung überraschte den ungarischen Juden, noch bevor die Bildung ihn für diese empfänglich, und fähig gemacht hätte, die Auswüchse und Entartungen jener von deren wahrem Wesen und innerm Gehalt zu unterscheiden. Der Jude, die Frömmigkeit werden in ihm täglich schwächer, ohne daß aber — wie in anderen Ländern bei gebildeteren Juden — dafür der Mensch, die Moralität und Sittlichkeit stärker würden. Fehlt ihm doch eben die Bildung, die allein ihn fähig machen könnte, diese zwei Elemente gehörig zu scheiden und an den ewigen Geboten Dieser festzuhalten, wenn er auch manche zeitbedingte und umständchervorgebrachte Zeremonie Jener ablegen kann und darf. Moral- und Sittlichkeitsgesetze galten ihm früher und gelten ihm heute noch als Religionslehren. Da nun die s. g. Aufklärung ihn lehrt, manche der bisher für höchst heilig gehaltenen Religionsgesetze, nliss Zeremonien zu bespötteln und unbeachtet zu lassen, glaubt er auch die ewigen Lehren derselben verwerfen zu können; wurden ihm doch von Vater und Großvater diese wie jene von gleicher Heiligkeit und gleichem Werthc gelehrt und überliefert! Weil er sich heute erlaubt blosköpsig zu essen, was ihm doch früher als eben so strafwürdiges Verbrechen galt wie Ehebruch, erlaubt er sich heute auch diesen. Sind ja — nach seiner Ansicht — beide Gebote einer Quelle entflossen! DieBildung aber, die ihn lehren werde trotz der religiösen Erschlaffung doch ein edler und tüchtiger Mensch zu werden und ihn vor völligem Verfall wahren könnte, die abgeht ihm ganz. Denn unsere Aufklärer und Fortschrittsfreunde haben ihr heiliges Werk unklug und verkehrt begonnen. Sie aufführten das luftige Gebäude der Aufklärung ohne den festen Grund der^Bildung, auf dem allein jenes wohlbefestigt und haltbar ruhen kann, gelegt zu haben.... Und dies Uebel ist der Hauptgrund, um dessentwillen das starre Festhalten am Schlendrian getadelt werden muß. Es stellt Alles, das Höchste wie das Niederste in eine Klasse. Da aber selbst von den Anhängern der Orthodorie die Meisten durchaus nicht mehr so hyperreligiös sein wollen, das Niederste für hochheilig zu halten, werden sie — von Afterbildung und sich sonnender Aufklärung irregeleitet — so irreligiös, auch das Höchste für niedrig zu achten und zu verachten. Das Festhalten der Orthodorie am Altersgeheiligten und Traditionellen wäre an und für sich jedenfalls achtenswerth, wenn sie es nur auch verstünde, die Theile der alten Form fest zusammenzuhalten, daß nicht der Geist, das wahre Wesen derselben, die echte jüdische Frömmigkeit und Sittlichkeit aus derselben entwische und hohle inhaltlose Form zurückbleibe. Das Streben unserer Aufgeklärten und Fortschrittsfreunde wäre lobens- und ermunternswerth, wenn sie es verstünden und versuchten, die Form zu lockern ohne von dem göttlichen Inhalt Etwas verfliegen zu lassen. Das geschieht da wie dort nicht und daher die Zerrüttung und Entartung. Manche ungarische Gemeinden bieten schon heute ein Beispiel der Verfallenheit, wie man sie für diesen kurzen Zeitraum unmöglich halten sollte, indem Laster und Verbrechen, die noch vor zehn Jahren bei den ungarischen Juden unerhört waren, wie Ehebruch, Prostitution, Spielwuth, sogar Selbstmord nicht zu den Seltenheiten mehr gehören.... Wie aus dieser lebensgetreuen Darstellung ersichtlich, tragen beide Parteien zu gleichen Theilcn die schwere Schuld.... Wessen Pflicht und Aufgabe es wäre, über oder zwischen beide Parteien sich zu stellen, die Kräfte und den Willen Beider zu vereinen, diese wie jene von den Verirrungen und Extravaganzen ab- und dem Guten und Heilsamen zuzuführen, erräth jeder Leser.... Ob und wie dieser heiligen Pflicht von den Betreffenden Genüge geschieht?... Davon nächstens. Jk!I>n. Papa, 5. Juni. (Privatmitth.) Die letztverflossenen Monate waren nicht ohne bedeutsame Vor-! gänge im hiesigen Gemeindeleben. In Folge einer am bnsrt rüü stattgehabten Aufforderung unscrs Dberrabbiners begannen unsere Herren Vorsteher: Rechnitzer, Herzfeld, Neumann, Spitzerund Fischer an den Ostertagen in derSynagoge zur Erbauung einer Lehrschule für die hiesige israelitische Ju-