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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-07-26 · Heft 31 (26.7.1847) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 31 (26.7.1847)
Date
1847-07-26
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
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479 Luftschlössern verfahren dürste. Hier liegt die Schuld nicht oder doch nicht ausschließlich an uns, und man tröstet sich, doch das Seine gethan zu haben und nur äußeren ungünstigen Konjekturen zu erliegen. Ob dies wahr? Einestheils. Wir haben wol von 1840 bis 1847 das Unsere gethan, Alles was in unseren Kräften stand geleistet, aber nicht zur Beförderung der Emanzipalionsfrage, sondern sie rückgängig zu machen. Negative wie positive Mittel, keine blieben unbenutzt der Iudensache möglichst — zu schaden. Wurde doch sogar gegen die Emanzipation petitivnirt von der zweitbedeutendsten Gemeinde des Landes! Und wenn durch ein unvorhergesehenes Zusammentreffen günstiger Umstände unsre Sache bald reüssiren sollte, wir können unsere Hände in Unschuld waschen und wie Markus Herz zu seinem danksagenden Rekonvaleszenten, kühn sagen: „Was können wir dafür!"... Doch nicht hiervon wollte ich heute sprechen, sondern von den religiösen und sittlichen Fortschritten, d. h. von unseren diesfälligen Hoffnungen und dem argen Schiffbruch, den diese an der harten zerschellungdrohcnden Wirklichkeitsklippe gelitten. Tauschen wir uns nicht. Sehen wir der Wirklichkeit geradezu in's Gesicht, so unfreundlich dies auch sein mag. Das Uebel ist nicht minder vorhanden, wenn wir auch das Auge zudrücken und es nicht sehen wollen.... Die Reform, die religiöse wie die sittliche zeitgemäße Umbildung und Veredlung macht durchaus nicht die Progressen, die wir im vorigen Dezennium und noch in den ersten Jahren des laufenden von ihr erwarteten, nach allen Auspizien zu erwarten berechtigt waren. Abgerechnet 10 —12 Gemeinden, wo den Reformsorderungen des Zeitgeistes einige unbedeutende, rein äußerliche, und 2—3, wo ihnen etwas bedeutendere Konzessionen gemacht wurden, herrscht bei uns noch allseitig der Schlendrian in seiner vollen altersgcheiligten Glorie. Ob auch in seiner Macht und Kraft? Nein. Und darin eben liegt das Uebel. Wir halten cs durchaus nicht für so wichtig, des Streites und der heftigen Uneinigkeiten, die in den Gemeinden oft darüber entstehen, durchaus unwerth, ob der Almemor unmittelbar bei der heiligen Lade oder zehn Schritte entfernt zu stehen komme, ob der nvn nab mit Chor oder nach polnischer Weise gesungen, ob ■j'pTa-aijr' ein- oder zweimal gesagt, das Gebet für König und Land cbräisch oder ungarisch verlesen wird (und höher versteigen sich die pia desicleria oder die zankunterstühten Forderungen selbst unserer Ultra's nicht ... schwindelnde Höhe!) und was sonst die s. g. Reformen sein mögen, um derentwillen in den ungarischen Gemeinden oft so viel Zank und Streit, oder daß wir das Kind beim rechten Namen nennen, so viele Skandale entstehen. Aeußerlichkeitcn bleiben immer und ewig Aeußerlichkeiten. Die goldene Fassung erhöht wol den Preis, nicht den Werth des Diamanten. Das Wesen des Gottesdienstes liegt weder in dieser noch in jener Form und Fülle. Die zeitgemäße Umgestaltung dieser Form ist unstreitig wünschens- und befördcrnswerth. Aber eben weil Acußerlichkeit, ist sie auch an Oertiichkcit, an Zeit und Umstande gebunden, nicht innere und darum allgemeine Nothwendigkeit. Sie ist darum in jeder einzelnen Gemeinde erst dann zeitgemäß und realisirenswerth, wenn sie allgemein oder doch von dem größten Theil der Gemeindeglieder als nothwendig erkannt rind gewünscht wird. Sie erzwingen wollen, blos weil sie da und dort bereits in's Leben getreten und man sich schämt, hinter dieser oder jener Gemeinde zurückzubleiben und man auch aufgeklärt, fortschreitend u. s. w. sein oder heißen will, erzwingen durch Zank und Zwierracht, skandalmachendc Prozesse u. s. w., die Gemüthcr dadurch erbittern gegen allen und jeden Fortschritt, gegen das Wahrhastzeitgemaße und Wesentlichnothwendige und so allem Guten und Bessern, dem auch die Orthodoxie willig entgegcngekommen wäre, durch besagte Steine des Anstoßes den Weg verrammeln oder doch erschweren, dies Verfahren ist — den gelindesten Ausdruck zu wählen — höchst unklug. Die geschworenen Feinde aller Reform und Kultur könnten kaum ein sichereres und unfehlbareres Manöver zu deren Verdrängung oder gar Erunmöglichung ersinnen. Und dieses höchst unkluge Verfahren, es ist das unserer Reformer. Daher der viele Lärm um Nichts. Daher der Ricfenfkandal und das Pigmaenreiultat! — So unsere soi-disani Fortschrittsfreunde oder „Aufgeklärte", wie der ungarische Jude jeden Deutschsprechcnden und -lesenden nennt. Wie wenig Fortschritt und Bildung durch die Vermittelung solcher Freunde gewinnen können, sieht jeder Vernünftige von selbst ein und die Erfahrungen der letzten Jahre überzeugen auch den Unvernünftigen hievon zurGenüge. Viel schlimmer und unheilvoller steht's aber noch mit der großen Menge der Unwissenden und Indifferenten, die heute aufgeklärt, morgen abergläubisch, jetzt Neologen, später Hyperorthodore sind u. s. w. u. s. w.,

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