Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1847)
- Date
- 1847-07-19
- Page
- Seite 465 (sequence 13)
- Language
- German
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465 Protesterklärungen aller Art neben der Freude über hie im Allgemeinen ihnen bereitete Genugthuung hervorruft. So ist in einer über diese Angelegenheit abgehaltenen Sitzung des Vorstandes und der Aeltesten der hiesigen Judenschaft eine Vorstellung an den Kultusminister, Herrn Eichhorn, beschlossen worden, worin über die in den Verhandlungen von ministerieller Seite gemachte Bemerkung, daß die jüdische Gemeinde Berlins sich von selbst den Namen einer „Judenschaft" beigelegt und damit freiwillig ihr korporatives Bestehen im Staatsverbande bezeichnet habe, eine Erklärung an den Herrn Minister gebracht werden soll. Insofern durch diesen am Ministertische geltend gemachten Umstand die in dem neuen Judengesetze angenommene Eintheilung in „Judenschaften" als eine in dem Sinne und der Gewohnheit der hiesigen Gemeinde selbst begründete gerechtfertigt werden sollte, beabsichtigen nun die Gemeindevorsteher, in ihrer Erklärung auszuführen: daß sie jene Bezeichnung keineswegs freiwillig angenommen, sondern daß sie zu derselben in einer Zeit veranlaßt worden, wo man es den Juden nicht gestatten zu können glaubte, sich als eine Gemeinde zu bezeichnen, weil dieser Name nur innerhalb des Begriffes der christlichen Kirche zu gebrauchen sei. Mit dieser Erklärung will der Vorstand der berliner Juden zugleich den Antrag an das geistliche Ministerium verbinden, daß ihnen gestattet werden möchte, sich nunmehr den Namen einer jüdischen Gemeinde beilegen zu dürfen. Eine andere Richtung jüdischer Protesterklärungen betrifft die Frage über die Nationalität der Juden, die in der Ständekurie namentlich durch die Rede des Herrn KabinetsministerS v. Thile in Zweifel gestellt worden, und zwar unter dem Gesichtspunkte, daß die jüdische Bevölkerung als solche eine im Staate für sich gebliebene fremde Masse sei, welche sich mit dem Begriff eines preußischen Vaterlandes keineswegs verschmolzen, sondern ihre eigentliche Heimath immer noch in Zion annehme. Diese Ansicht über die jüdischen Nationalitätsverhältnisse ist allerdings sehr weit verbreitet und bis in die neueste Zeit hinein durch mancherlei Umstände genährt worden; wie wir denn auch von einem hochgestellten Ständemitgliede gehört haben, daß ihm ein hiesiger jüdischer Gelehrter, der Einer der beliebtesten Synagogenredner ist, dieselbe Erklärung abgegeben haben soll, daß die Juden, wenn ein neues Königreich Palästina gestiftet werden sollte, allerdings die Bestimmmung hätten,' sich dort wieder in einer Gesammtheit zu vereinigen. Um so günstiger wird aber jetzt ein in mehreren Kreisen vorbereiteter Protest wir» ken, worin die Juden sich darüber erklären wollen, daß sie in der unbedingten nationalen Zugehörigkeit zu dem Staate, in dem sie leben, eine wesentliche Grundbedingung ihrer Existenz erkennen. — Ein Konflikt zwischen vermeintlich christlichem Prinzip und dm politischen Rechten der Juden entspann sich auch in der vorigen Woche bei Gelegenheit der neuen Stadtverordnetenwahlen, die in den Kirchen der verschiedenen Bezirke und nach vorausgegangener Predigt, bei verschlossenen Lhüren, stattsinden. Einige unserer Geistlichen pflegen hierbei den engem Kreis der kirchlichen Betrachtung zu verlassen und an die gemeindebürgerliche Bedeutung des Tages selbst heranzutreten. Die jüdischen Wähler befinden sich bei dieser Gelegenheit auch in der Kirche eingeschlossen, was von manchen Seiten her öfter als eine Jnkonvenienz gerügt worden ist und zu der Bestimmung des neuen Judengesetzes, welches die jüdischen und christlichen Wahlen einer gesonderten Sphäre überweisen will, hingeführt hat. Bei der letzten Stadtverordnetenpredigt in der Waisenhauskirche hob diesmal der bekannte Prediger Kuntze vornehmlich das „christliche Prinzip" hervor, welches auch die Stadtverordnetenversammlung beseelen und von ihr als der ausschließliche und einzig echte Grund ihres Wirkens festgehalten werden müsse. Dies veranlaßte einen dabei anwesenden jüdischen Wähler, mit lauter Stimme die Oeffnung derKirchthüren zu verlangen, damit er sich vor Beginn des Wahlgeschäftes entfernen könne. Seine Gründe fanden jedoch so sehr eine allgemeine Beistimmung der Versammlung, daß man auf der Stelle ihn selbst durch Akklamation zum Stadtverordneten wählte und dadurch, obgleich er diese Wahl ablehnte, einen schlagenden Beweis von der in dieser Beziehung hier herrschenden Gesinnung lieferte. Unsere Stadtverordnetenversammlung zählt übrigens bis jetzt bereits drei jüdische Mitglieder. — Eine ebenfalls in der Debatte über das Judengesetz gethane Acußerung des Landtagskommiffars, Herrn Ministers vonBodelschwingh: es hätten Einige fälschlich behauptet, daß hier in Berlin auch einmal ein jüdischer Bauinspektor existirt habe, hat hier zu einem interessanten Vorfälle Veranlassung gegeben. Ein Solcher lebt nämlich allerdings hier in der Person des in vielen Kreisen wohlbekann-