Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 30 (19.7.1847)
- Date
- 1847-07-19
- Page
- Seite 463 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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463 ordnungen erhielten, durch das anderseitige, verschiedenartige Entgegentreten und Wirken eine gründliche und wissenschaftliche Erörterung und Feststellung und hierdurch auch eine größere Verbreitung und Anerkennung. Die Vertreter des religiösen Stillstandes, die bis vor Kurzem die Oeffentlichkeit schcueten und fürchteten, und daher versteckt in ihren Schlupfwinkeln nur im Dunkeln jede Bewegung zu unterdrücken und jeden Fortschritt zu ersticken suchten, — weshalb diesem ihren Treiben auch nicht gut beizukommcn war — sind jetzt aus ihrer Verborgenheit herausgctreten, und war es leicht, ihr unbegründetes und nicht stichhaltendes Gerede so abzuweisen und zu widerlegen, daß selbst Viele ihrer früheren Anhänger das Hohle und Unhaltbare desselben einsahen und zu der Ueberzeugung geführt wurden, daß sie bisher nur blindlings gefolgt, und nur aus Mangel an Einsicht und Selbstständigkeit bei der lieben, alten Gewohnheit stehen geblieben sind. Im Gegensatz zu früher, wo diese Stabilmänner glaubten, es sei nicht nöthig, gegen die Bewegung aufzutreten, weil diese von selbst sich hemmen wird, — sind sie jetzt überzeugt, daß sie ohne Erfolg ihre Bannbullen gegen ein neues, von dem bisherigen auch wesentlich abweichendes Gebetbuch schleudern, einen Rabbincn wegen seiner freien Forschungen, Ansichten und Aeußcrungen anklagen und denunziren, und eine Versammlung von Rabbincn und Predigern wegen deren freisinnigen und von den bisherigen in Manchem abweichenden Berathungen und Beschlüsse verdächtigen und verketzern werden. So hat denn auch der religiöse Fortschritt sich jetzt Bahn gebrochen, selbst unter der größer», unwissenden Masse, und ist er eingedrungen auch in die Gemeinden, wo bis noch vor Kurzem Alles finster und öde war. Denn auch bis zu diesen kam von nah und fern der laute Ruf der Bewegung und die mächtige Stimme des Fortschritts und wenn sie auch Anfangs vor diesen zurückbebten und sich entsetzten, weil sie ihnen von Vielen in einer so furchterregenden und monströsen Gestalt geschildert wurden — so konnten sie doch nicht lange diesem Ruse und dieser Stimme ihr Ohr und Herz ganz verschließen. Ja, sogar diejenigen, die von ihren Gewohnheiten auch nicht das Geringste aufgeben, und wo sie die Macht haben, es auch nicht in ihrer Umgebung und ihren Gemeinden aufgeben lassen wollen, sind doch toleranter und nachsichtiger gegen Andere geworden und fügen sich, Anfangs zwar ungern, zuletzt doch mit freiem Willen in das Unabänderliche. Und ist einmal dieser Geist in die Gemeinden eingedrungcn, so wird er, wenn auch jetzt noch Umstände und Verhältnisse seine Manifestation hindern, in der nächsten Zukunft dennoch vollkommen siegen und die alleinige Herrschaft sich erringen. ll) Als zweites wichtiges Resultat erkennen wir, die allgemeine Theilnahme an den jüdischreligiösen Verhältnissen. In der ganzen neuern Zeit und seitdem eine Reorganisation des jüdischen Lebens und der religiösen Anschauungen und Handlungen eingetreten, war das Interesse für Judenthum nicht so allgemein und so lebhaft, als in den 6 Jahren unsres Jahrzehcnds. Männer, die seit schon vielen Jahren gegen Alles, was das Judenthum betrifft, höchst gleichgiltig waren, ja die sich schämten, dem jüdischen Verbände anzugehvren, stehen jetzt an der Spitze einer jüdisch-religiösen Bewegung, leiten und lenken mit ihren Kenntnissen und Mitteln jüdischreligiöse Vereine und unterstützen und anerkennen solche Anstalten und Versammlungen, welche die Belebung und Fortbildung der jüdischen Religion bezwecken. Nicht wie früher intcressiren diese sich nur für die bürgerliche Gleichstellung, für die Erringung dieses gewiß köstlichen Gutes, das Köstlichste und Heiligste aufgebend, — nein! es ist ihnen im Herzen ernst, der Religion selbst ihre innere Freiheit und somit ihr ursprünglich göttliches Recht und Ansehen erringen zu helfen, unabhängig von allen äußeren Motiven. Und wenn auch Einige derselben bei ihren Bestrebungen diese äußeren Motive durchblicken lassen, so ist es doch ungerecht, diese selbst in ihrem ganzen Streben hiernach zu beurtheilen, noch viel ungerechter, die bei Weitem größte Mehrzahl derselben hiernach zu richten und zu verdammen. 2. Die fernere Wirksamkeit. Es ist schwer, ja unmöglich, bestimmte, für alle Verhältnisse anwendbare Regeln zu geben, die Linie genau zu bezeichnen, wo sie beginnen, welche Richtung sie überall nehmen und wo sie enden soll, und wird dieses noch so lange unmöglich bleiben, als die Bildungsstufen und Verhältnisse der Israeliten in den verschiedenen Ländern und Gemeinden so sehr von einander abweichen. Nach den sich uns kund gegebenen Resultaten kann jedoch die Art der fernem Wirksamkeit im Allgemeinen dahin angegeben werden: a) Daß der Geist des Fortschrittes immer