Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1847)
- Date
- 1847-06-28
- Page
- Seite 412 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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412 „Um Rebekka's willen ..stöhnte der Kranke, und sank zurück. „Sehen Sie, es hat Gott gefallen, einen mächtigen Beschützer unter den Großen zu wecken für das verlaffene, bedrohete Israel.... Dieser wird Alles daran setzen, um um uns zu retten; und da er von großem Einflüsse ist, so haben wir wenigstens die Aussicht, so ist uns wenigstens die Hoffnung gegeben, noch gerettet zu werden. Wer dies ist, müssen Sie mir gestatten, heute noch zu verschweigen, nicht, weil ich es Ihnen nicht sagen möchte, sondern weit es noch das Geheimniß dieses Mannes ist, das zu brechen er mir nicht erlaubt hat.../' „Und wie soll dies geschehen?../' „Darüber weiß ich freilich Ihnen Nichts zu sagen, denn das ist mir selbst nicht bekannt. So weit wurde es mir klar, daß er bei dem Fürsten selbst gegen den Minister Grafen von Senis auftreten wird...." „Dann kann es nur der französische Gesandte sein.../' Joseph schwieg betroffen. „Die Verhältnisse hier sind mir zu bekannt, um dies nicht schließen zu können. Wenn aber derselbe den Minister beim Fürsten stürzen wollte — dann könnte es nur geschehen, indem er dem Fürsten die Unredlichkeit feines Dieners nachwiese... /' Der Kranke schwieg eine Zeit lang, in tiefes Nachdenken versunken. Endlich fuhr er fort: „Wenn der französische Gesandte dies unternimmt, so muß er bereits tüchtige Beweise aus anderen Beziehungen in Händen haben, denn mit uns Juden allein wagt er es schwerlich . .. allein für die Juden selbst../' „Ihr Scharfsinn bringt Sie von selbst auf das, worauf ich Sie lenken wollte.. /' fiel Joseph ein. „Ja, es gilt, das zu thun, was Sie erst im Sinne hatten, daß wir, was Schlimmes geschehen, zum Guten wenden. ... Wie hat der Minister und warum diese Verfolgung unferer Glaubensgenossen begonnen?..." Mendel zögerte allerdings noch einige Augenblicke; dann aber raffte er sich zusammen, und mit dem schmerzlichen Ausruf: „Es sei!" begann er, Joseph ein offenes Selbstbekenntniß abzulegen. Ec berichtete diesem von seinen Verhandlungen mit dem Minister, von den Summen, die er ihm verheißen, und die er ihm theils schon zu Gebote gestellt. Wie aber die Wahrheit dessen erweisen? Der vorsichtige Minister hatte Mendel auch nicht eine Zeile seiner Handschrift in die Hände gegeben, und die Quittungen über die empfangenen Gelder waren so allgemein abgefaßt, daß sie für die redlichsten Staatsgeschäfte tauglich waren. Mendel wußte kein Mittel anzugeben. Da sprach Joseph: „Herr Mendel! Ich bin zwar noch wenig mit den Händeln der Welt bekannt, und was ich in den letzten Zeiten erfahren, konnte mich eher verwirren als zurecht leiten. Allein ich glaube noch immer, daß zuletzt die einfache Wahrheit den Sieg davon tragen muß. Legen Sie schriftlich ein fceimüthiges Bekennlniß ab, bezeugen Sie darin Ihre Reue, die Umwandelung Ihrer Gesinnung, erzählen Sie die Vorgänge, wie sie geschehen, und überlassen Sie dann dem gerechten Lenker droben, was er damit beginnen will-" Mendel ergriff dies mit Eifer. Bald stand vor Joseph das nöthige Schreibegerathe, und mit dem Aufwande seiner letzten Kräfte diktirte ihm Mendel folgende Worte: „An den Pforten des Grabes stehend, in der Gewißheit, bald vor den Stuhl des allwissenden Richters zu treten, habe ich die Schlechtigkeit meiner Handlungen reumüthig erkannt, und spreche hier die Wahrheit aus, so sehr die unumwundene Wahrheit, wie ich auf die Barmherzigkeit meines Gottes rechne. Ich erkläre, daß der Rabbi Haller in seiner Schrift nirgends Christen und Chcistenthum vermeinte, da ich aus seinem eigenen Munde, in freundschaftlichen Gesprächen, als er sie abfaßte, immer vernahm, daß er die Widerlegung der heidnischen Religionen beabsichtige. Es war ein schändlicher Verrath von mir, daß ich das Gegentheil der hohen Behörde anzeigte — Gott helfe mir! Ich erkläre ferner, daß ich dem Minister Grafen von S. eine sehr bedeutende Summe zur Verfügung gestellt, und zum Drittel bereits übergeben habe, um das Verderben der hiesigen Judengemeinde durch seinen mächtigen Einfluß zu bewirken. Dies ist die reine Wahrheit—Gott sei mir gnädig!" Diese Worte unterschrieb Mendel mit zitternder Hand, worauf er Joseph selbst beschwor, sie sofort dem Gesandten zu überbringen. Joseph verließ ihn, aber die Freude über den glücklichen Erfolg konnte vor dem Schrecken nicht aufkommen, da er Mendel durch die verlebte Szene im höchsten Grade erschöpft und zurückgeworfen verließ.