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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-06-28 · Heft 27 (28.6.1847) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 27 (28.6.1847)
Date
1847-06-28
Page
Seite 411 (sequence 11)
Language
German
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411 kehren können — ich will Deinen Vater nicht beschuldigen: aber nach der ersten Zwistigkeit schien er die Freundschaft abgethan, und nur die Würde und den Stotz des Alters und Standes angenommen zu haben —" „Aber vielleicht-" „Ich weiß, Joseph, was Du sagen willst — vielleicht schien es eben mir nur so, weit ich schuldig mich fühlte — doch taffen wir dies—von da aus schrieb sich mein Unglück; von da mein Durst nach Rache, von da ein Haß, der nicht von so vieler Unglücklichen Thränen, der erst von meinem eigenen Blute gelöscht ward-" „Halten Sie sich doch hierbei nicht auf, bester Herr Mendel!" sprach Joseph. „Es giebt nur Einen, der unser Richter ist, und vor dem wir unsre Schuld zu bekennen haben — —" „O, ich brauche sie nicht zu bekennen — sie ist so klar wie die Sonne, und Allen offenkundig — sieh, auf dieser Stirn fühl' ich den Bannfluch liegen, nicht des Rabbi, nicht der Synagoge Bannfluch, sondern den Fluch des Volkes, das ich unglücklich gemacht, die Seufzer des Mannes, den ich eingekerkert habe — da liegt er und drückt und brennt-o, es ist eine Hölle-" „Der Ewige, der Ewige ist gnädig und barmherzig, und langmüthig und voll großer Huld-" „Vollende, Joseph, vollende den hohen Spruch der heiligen Tora — „dec Sünd' und Missethat und Schuld vergiebt, Nichts aber ungeahndet hingehen laßt"—o, er hat geahndet, hat geahndet.... Wann dies in mir aufgegangen, ich weiß es nicht; es war in dunkelen, schrecklichen Nachten-nein, nicht die Hohnreden jener Vorsteher, nicht die Schimpfworte und Stöße des Pöbelshöhere Stimmen waren es, die mich weckten, die meinen Hochmuth demüthigten, die mein Verbrechen mir vorrückren, meinen tiefen, tiefen Sturz mir zeigten — ich höre sie noch, sie zerrissen mich, sie zerwühlten mein Eingeweide, sie zermalmten mich zu Staube — und dennoch klangen sie wie Stimmen des Himmels, dennoch sahen sie aus wie Engel des Lichtes, dennoch dank' ich ihnen mit meinem ganzen Herzen — o, mein Vater, der mich gezeugt — meine Mutter, die mich geboren — mein Weib, die mich beglückt-kommet wieder, kommet wieder und führet mich von dannen, und erlöset mich-" Der Kranke schien wieder in seine Phantasi'een sich zu verlieren; seine Finger spielten krampfhaft auf der Decke und zupften und zogen; seine hohlen Wangen bedeckten sich mit hochrothen Flecken; seine Augen waren von den Lidern verhüllt, aber es zuckte wie Blitze darunter hervor. Josephs Herz war von namenloser Angst erfüllt; die Befürchtung für den Leidenden, den die Glut des Fiebers zu verbrennen schien, mischte sich mit der Besorgniß, daß sein Bewußtsein nicht zurückkehcen und ihm so der bedeutsame Ausschluß entgehen würde, dessen der Gesandte nicht entbehren zu können ausgesprochen hatte. Eine unheimliche Viertelstunde verrann unter der Schwüle der Luft und der Situation. Da schien Mendel sich wieder zu beruhigen, die Hände lagen still, die Blasse kehrte auf sein Antlitz zurück, die Augen öffneten sich wieder. Joseph trocknete die Stirn des Kranken mit einem Schweißtuche. Dann sprach er: „Beruhigen Sie sich, theuerster 5pm Mendel! Wenn es also ist, und Sie haben Ihr Unrecht, das ich nicht leugnen will, erkannt und bereut — nun so wird Ihnen vergeben sein — o, daß ich dies Ihnen sagen muß — aber, ich fühle es, mein ganzes Herz ist dessen voll und drängt mich; in mir lebt es als eine ganze, ganze Ueberzeugung, und mein Geist hebt sich unter den Flügeln dieser Gewißheit bis zum Himmel — ich sehe meinen ehrwürdigen Vater, der Ihnen mit Freuden verzeiht, ich sehe die Gemeinde, die mit Freuden Sie wieder unter ihre Glieder zahlt — wie sollte der Gott der Barmherzigkeit nicht das Wort aussprechen: Gnade dem Reuigen — wenn —" „Nun, theurer Joseph, sprich: wenn-" „Wenn Sie auch wieder gut zu machen suchen, was Ihnen möglich-" So wie Joseph dieses Wort ausgesprochen,'sprang Mendel mit unvermutheter Kraft im Bette auf, so daß er fast mehr darin stand, als lag. „Gut machen" — rief er mit starker Stimme aus — „gut machen, ja, das will ich ja ... das ist ja mein ganzes Verlangen ... das ist der Becher, nach dem ich dürste, die Arznei, nach der ich schmachte ... sag an, wie wieder gut machen ... und Du sollst mein Engel sein, Mensch! ... Nein, ich lasse Dich nicht" ... und er ergriff Josephs Arm mit furchtbarer Gewalt, „ich lasse Dich nicht, auf die Knie werf' ich mich vor Dir, sag, wie gut machen ... nimm Alles, was ich habe, mach'mich zum Bettler, wirf mich vor meine eigene Thür' hinaus, nimm die letzten Augenblicke meines Lebens, und mach' damit gut ... nun, sprich doch, sprich... „Seien Sie ruhig, legen Sie sich nieder, ich will Ihnen sagen, was ich weiß ... nur bitte, bitte, um Rebekka's willen, seien Sie ruhig...

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