Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 27 (28.6.1847)
- Date
- 1847-06-28
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
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410 Das Volk bedarf auf der Bahn des religiösen Lebens, daß es nicht wie eine verirrte Heerde sich verliere, und auf verderbliche Abwege gerathe, eines kundigen, würdigen Führers, der es vor Fehltritten wahret, daß es wandle im Lichte des Glaubens, und von Ernsthaftigkeit und wahrhafter Liebe für alles Edle und Gute durchdrungen werde. Wir haben einen prächtigen Tempel, seit einiger Zeit auch eine Orgel, ein trefflich geübtes Chor, auch ist unser Vorsänger rühmlichst zu erwähnen. Allein wahre, innige Andacht, diese kostbare Perle der heiligen Krone alles Gottesdienstes, findet wenige Verehrer. Nur den belebenden, begeisternden Worten des von seinem hohen, heiligen Berufe erglühten Verkünders der Worte Gottes, dürfte es gelingen, den Impuls zur Andacht zu geben, und dem Gottesdienste seine gebührende, würdige Weihe zu verleihen, und Mißbräuche die störende Unruhe und Unordnung herbeiführen, zu beseitigen. Wir haben ferner zweckmäßig organisirte Lehranstalten, und die Leistungen der Lehrer entsprechen allen Erwartungen. Daß die Schule aber wohlthätig für's Leben vorbereite, daß die Jugend fromm und tugendhaft für's Leben gebildet werde, bedarf sie auch eines höhern Leitsterns der den Funken des Glaubens in der jugendlichen Brust erwecke, erhalte und nähre. Durch einen von hoher Gotteserkenntniß erleuchteten Mann, gewinnt unser soziales Leben, unsere Schule, unser Gotteshaus und alle unsere Anstalten. Allein selbst bei der Wahl eines solchen Mannes darf kein Jndifferentismus obwalten. ES müßte ernstlich darauf Bedacht genommen werden, daß derselbe nicht nur ausgebreitete Gelehrsamkeit besitze, daß derselbe nicht allein ein Wohlredner sei, sondern auch darauf gesehen werden, daß derselbe ein tüchtiger Schulmann, und über Alles müßte auf einen bewährten, festen, edeln, biedern Charakter das höchste Gewicht gelegt werden. Das Wirken eines solchen Mannes bringt Gedeihen, Heil und Segen dem Orte. Belletristisches. Der Rabbi und der Minister. Eine Novelle aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung aus No. 7. 9. II. 13. 15. 17. 18. 19. 21. 26.) Joseph trat in das Zimmer des Kranken ein. Derselbe hatte sich auf seinem Lager durch mehre Kissen halb aufrichten lassen, und seine Tochter unterstützte sein Haupt. Wie er so bleich aussah, aber sein Auge so brennend, so suchend, so sehnsüchtig! Kaum hatte Joseph die Schwelle überschritten, als er die magere Hand nach ihm ausstreckte, und ihn zu sich winkte. Aber Rebekka flüsterte er in's Ohr: er möchte allein sein mit dem Jüngling! Joseph trat naher. „Ich habe Dir noch Dank zu sagen, Joseph/' hob der Kranke an, „für die Hilfe, die Du mir geleistet hast in einem verhängnißvollen Augenblicke -" „Seien Sie still, Herr Mendel, regen Sie sich nicht auf, schonen Sie sich, vergessen Sie-" „Nein! nicht vergessen," siel der Kranke ein, „zwar vergessen das Ueble, das man mir gethan — aber nicht das Gute, nein, nicht das Gute-Ich habe mich gesehnt nach dem Augenblicke, wo ich Dich, braver Joseph, hier bei mir haben würde, ich will ihn nicht verlieren — setze Dich zu mir...." Joseph erfüllte sein Verlangen. Wie ec so hinter den schweren, seidenen Vorhängen am Lager des kranken Mendel saß, wo dieser entkräftet und entstellt ruhete, ging seiner Erinnerung das Bild des stolzen, höhnischen Mannes vorüber, der vor wenigen Wochen den verzweifelnden Jüngling von sich gewiesen. Lag doch hierin der schnelle Wechsel der Verhältnisse in der Zeit ausgesprochen — für den Leidenden ein Trost. „Laß mich mit Dir reden, Joseph" — sprach langsam, aber mit Bestimmtheit der Kranke. „Großes ist mit mir vorgegangen, seitdem ich Dich zuletzt gesehen, und nun kann ich nicht eher zur Ruhe kommen, bis daß Alles vollendet ist. Sieh, ich bin noch Mensch genug, um mir einzubilden, daß nicht Alles recht war, was an mir geschehen — ich meine, früher, ehe Du zurückgekehrt, und von dem Du wol wenig weißt — auch war es nicht recht, daß man mir — ich meine Deinen Vater — gar nicht mit Warnung und Versöhnung entgegenkam, auf daß ich auf dem halben Wege hatte um-