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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-06-28 · Heft 27 (28.6.1847) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 27 (28.6.1847)
Date
1847-06-28
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
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405 ihre charakteristischen Perioden zerlegen und in ihrer Entwickelung wieder vereinigen. Herr B. sagt, er kannte in der Jugend die Juden nur als eine Abart von Menschen, die den Tod des Heilands von Rechtswegen in Ewigkeit büßen müssen. Das war früher die allgemeine Meinung der Christen. Luther spricht in diesem Sinne ebensowol, wieBossuet und Lamenais; Schudt ebensowol wie Leo XU. Der gutherzige Christ bedauerte, der hartherzige verfolgte sie. — Und hatte dies nicht bei den Juden seinen Wiederhall? Wenn-der Jude sich aller Orten in der Verbannung fühlte, und alle Bedrängniß mit dem Worte ertrug: „dafür sind wir im Galut" — so dachten sich die Juden unter den Christen die ihnen für die Sünden der Vorfahren auferlegte Gottesgeißel, im Durchschnitt begabter an materiellem Besitz und Fähigkeit, aber minderbegabt an Geist und Gemüth. Beide Theile glaubten sich nicht mehr schuldig zu sein als blos Menschlichkeit. In der zweiten, der Uebergangsperiode, lernt Herr B. Juden kennen, die ihm als Menschen, als Freunde, als Charaktere, als Gelehrte gefallen. Er rechnet sie mit Freude zu den Ausnahmen. Und siehe da, die ganze Literatur einer ganzen Zeit ist voll von solchen Ausnahmen, und spiegelt den Satz ab: es giebt auch unter den Juden manchmal tüchtige und edle Menschen. Cumberlands „Schema" und Salzmanns „Ephraim", Lessings Reisender im „Juden" und Zschokke's „Jonathan Frock", ja noch Jean Pauls „Emanuel" und Walter Scotts „Rebekka" waren solche — gewöhnlich in's Überschwängliche gezeichnete — Ausnahmen. Alle Lesebücher für die Jugend, alle Anekdotensammlungen waren voll von diesen „Ausnahmen". Hatte doch der Handel, dieser Proto- Zivilisator, dieser Hauptfriedenstister, schon längst dafür gesorgt, daß fast jeder Christ seinen „ehrlichen Juden" hatte. Und die Juden? Ei nun, die strebten, Jeder für sich, als eine solche „Ausnahme" von den Christen anerkannt zu werden. Noch war ihnen die Idee, daß der ganzen Masse als solcher die Gleichstellung zu vindiziren sei, daß ein Jeder für sich Nichts, für Alle Alles zu fordern und zu erstreben habe, nicht aufgegangen. Daß sie sich bei jenem Streben, daß der Christ sie als eine „Ausnahme" anerkenne, häufig lächerlich machten, daß sie, um nur eine rechte Ausnahme zu sein, mitunter geckenhaft, schein-freidenkerisch, outrirt-geistreich, witzig-genial, oder schaal und flachköpfig wurden, daß ließe sich schon a priori ermessen, wenn es uns nicht die Erfahrung gezeigt hätte. Wenn es nur nicht noch heute Wichte gäbe, denen der Kitzel, von den Christen für einen Ausnahms-Juden gehalten zu werden, lieber wäre als die völlige Gleichstellung der ganzen Masse! — Aber anderseitig, so wie die Juden einzeln als Ausnahmen anerkannt zu werden strebten, so fanden auch sie immer mehr einzelne Ausnahmen unter den Christen: daß X. wirklich wenig Haß gegen Juden — d. h. nicht über die allgemeine Durchschnittsportion — besitze, daß B. einen Scharfsinn habe, wie ein Jude, daß 6. ein wahrer Chassid meummot haolam (frommer Nichtjude) sei. Und so tummelten sich Juden wie Christen in ihren „Ausnahmen" umher. Jetzt war es, wo die dritte Periode mit dem Satze eintrat: „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte". So einfach dieser Satz erscheint, so ward er dennoch nicht sogleich verstanden, da ihm doch die Idee vorhergehen muß: der Staat sei ein gemeinschaftliches Unternehmen vieler Menschen auf Einlage und Nutzen, auf Geben und Empfangen, und nicht, wie bisher geglaubt worden, eine Schichtenmasse von Gewalt und Uebcrgewalt. Die Juden, als die unterste, am Meisten gedrückte Schicht — wir sprechen immer von Deutschland, oder besser vom damaligen heil, römischen Reiche — griffen, so weit ihre politische Intelligenz damals reichte, zuerst nach diesem Satze, und sie, mit dem Koran zu reden, ein „Volk des Buches", hatten nichts Eiligeres zu thun, als aus ihren Büchern nachzuweisen: auch wir anerkennen die Staatspflichten, auch wir glauben an eine unsterbliche Seele, auch wir haben das Gebot der Nächstenliebe rc. Die ganze jüdische Literatur jener — noch nicht ganz vollendeten Periode ist voll von diesen — damals noch nicht überflüssigen Beweisen. Jndeß lief bei den Christen jener Satz auch mit der Variation um: „ungleiche Pflichten, ungleiche Rechte" — und zwar indem bei den Ersteren ein Plus, bei den Letzteren ein Minus gezeichnet ward, so daß die Juden nicht unbedeutend Mehr zu leisten, sich aber mit entsprechend geringeren Rechten zu begnügen haben. Aber auch die Juden drängten sich zu dieser Variation jenes Rechtssatzes, und bezeugten damit, daß ihnen die Rechtsidee noch nicht völlig aufgegangen. Sie drängen sich zu allen Leistungen, in der Erwartung auch die Genüsse zu erlangen. Sie

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