Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1847)
- Date
- 1847-06-14
- Page
- Seite 377 (sequence 9)
- Language
- German
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377 Werth des Menschen nicht bestimmen; je Mehrere von uns sich durch eigene Erfahrung überzeugen, daß es unter den Juden nach Vcrhältniß eben so viele achtbare, ehrenhafte und treffliche Individuen giebt als unter den christlichen Parteien, um so früher wird man, wenigstens von dieser Seite, geneigt sein der Wahrheit die Ehre zu geben. Das kann allerdings nur allmälig, auf dem Wege der sozialen freien Annäherung erreicht werden, da Verhältnisse, die ihrer Natur nach frei sein müssen, sich von der Gesetzgebung nur etwa fördern oder hemmen, aber nicht erzwingen lassen. Dagegen ist die dritte der von manchem Einzelnen durchlebten Stufen, die der abwägenden Gerechtigkeit, ganz eigentlich diejenige der staatsrechtlichen Gesetzgebung. Nicht als ob der einfache Satz „gleiche Pflichten gleiche Rechte" ein Gegenstand für die positive Begeisterung sein könnte, aber er ist für jeden Nachdenkenden so einleuchtend und natürlich, daß seine Mißachtung das gesunde Rechtsgefühl nicht weniger verletzen muß als Gewalt und Unrecht im täglichen Verkehr der Privaten. Wollt ihr Hamburger frei sein, so seid vor Allem erst gerecht. Alle, die diese Wahrheit zugeben, müssen die natürlichen Bundesgenossen und eine kräftige Stütze für die gerechte Sache der Juden sein. Denn schon die Politik des Vortheils wird es nirgend, und am Wenigsten in unserer Vaterstadt zulassen, daß den Juden die Pflichten gegen den Staat ganz oder zum Theil wieder abgenommen würden, die sie in voller Maße gleich den allerchristlichsten Bürgern zu erfüllen haben. Diese Politik ist auch die richtige; sie braucht nur einen Schritt weiter zu gehen, um außerdem inne zu werden, daß es für jeden Staat, zumal für den kleinen hamburgischen, nichts Unpolitischeres geben kann, als wenn er sich der Mitwirkung eines wesentlichen Theiles von Intelligenz und patriotischer Gesinnung für seine höchsten Interessen, für das Wohlsein aller ihm Angehörigen, wie bisher berauben wollte. Aber die wahre Versöhnung von Gerechtigkeit und Politik liegt freilich nur in der Humanität, in dem Grundsätze des allgemeinen Staatsbürgerthums und der aufrichtigen Gewissensfreiheit. Für diesen Standpunkt ist die Entlastung einer ganzen Religionsgesellschaft von Zurücksetzung, die sie um ihres Glaubens willen erfahren hat, keine Kontroverse und kein Problem mehr, sondern die Selbstsolge einer ewig wahren Idee, und ein Theil der Verwirklichung eben dieser Idee, wodurch Frieden, Freiheit und Glück sich überall hin verbreiten sollen. Diese Auffassung ist der gemeinsame Boden, auf welchem alle Freunde des Guten und der Menschheit vereint stehen und vorwärts streben müssen; sie ist das Schwert des Geistes, mit welchem nicht für die Juden allein, sondern ebenso wol für alle diejenigen Nichtjuden zu kämpfen ist, die in Deutschland — und in Hamburg nicht am Wenigsten — über die Herrschaft von Privilegien und kastenartigen Vorrechten einer abgestorbenen Zeit zu klagen, über die innere Unwahrheit eines Staatskirchenthums in unserer Zeit sich zu beschweren haben. Wenn nur der christliche Staat sich selbst erst frei macht, so werden auch die Fesseln seiner jüdischen Bewohner ohne Weiteres gelöset sein. Unsere, der Getauften, Schuld und unsere Beschämung ist es, wenn wir so weit noch nicht gekommen sind. Die Tüchtigsten und Edelsten unter den Israeliten hatten schon bisher ihre besten Kräfte der Sache ihrer Glaubensgenossen gewidmet, ohne viel Anderes zu bewirken als dasjenige, um was es ihnen am Wenigsten zu thun war: Auszeichnung, Ruhm und Beifall für sich selbst. Aber getrost! die Zeit schreitet unaufhaltsam fort, und wo sich in Deutschland Anträge oder Petitionen um Erfüllung der dringendsten und allgemein gehegten Forderungen, um Oeffentlichkeit im Staatslcben, um das freie Wort und eine würdige Rechtspflege, erheben, da finden wir als unabweisliches Postulat auch die Sache der Juden stets in erster Linie aufgestellt. So beginnt es endlich auch bei uns zu werden, und lassen Sie mich mit der Hoffnung schließen, daß wir Alle uns bald am Ziele finden werden. Der Zweck dieses Vereins ist für die Interessen der jüdischen Mitglieder ein Streben nach den höchsten Gütern, für uns Andere aber gilt es nach meiner Ueberzeugung die Erfüllung einer heiligen Pflicht. Unsere hintangesctzten Mitbrüder fordern ihre natürlichen und ewigen Rechte; diese ihnen nicht länger vorzuenthaltcn ist für die bevorrechteten Klassen eine moralische Nothwendigkeit, eine Ehrensache." (Schluß folgt.) Dresden, im Mai. (Privatmitth.) Vor Kurzem ist die Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben des Mendelssohnsvereins allhier aus den Jahren 25*