Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-06-14 · Heft 25 (14.6.1847) · p. Seite 376

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 25 (14.6.1847)
Date
1847-06-14
Page
Seite 376 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225523--08642-3239467
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

376 und kräftiger aufstrebt, daß sie empor zur freien Lust, zur Hellen Sonne ringt, und nicht zur dumpfen Erde zurück sich verkriecht, aus welcher sie entsprossen war? Dieselbe Zuversicht dürfen wir für das geistige Erwachen, für die Saat des Wahren und Rechten in uns, als Einzelnen und in der Gesammtheit unseres Volkes, ja der ganzen Menschheit hegen. Es ist das göttliche Wesen der Erkenntniß der Wahrheit und jeder sittlichen Idee, daß sie, wenn sie einmal gefunden und gewonnen wurde, niemals wieder verloren gehen kann, sondern trotz aller Hindernisse und Zögerungen sich zu allgemeiner Anerkennung durcharbeiten und allmälig aber sicher die Herrschaft erringen muß. So steht es auch mit unserer speziellen Angelegenheit, der Entknechtung der Juden. Wer von der moralischen Nothwendigkeit dieser Gleichstellung einmal durchdrungen ist, der wird sich bewußt sein, daß er selbst niemals wieder anders darüber denken kann; aber eben so sicher und wohlbegründet darf sein Vertrauen sein, daß die gute Sache der Freunde immer Mehrere gewinnen, und daß sie zur allgemeinen praktischen Wahrheit werden wird. Nur dazu ist unser kräftiges Zuthun rathsam und pflichtgemäß, daß jener Zeitpunkt möglichst bald eintreten möge, und auch das ist wahrlich ein wichtiges, ein aller Anstrengung werthes Ziel, denn es hängt davon das Lebensglück ganzer Generationen ab. Erlauben Sie mir, im Rückblick auf meine vorhin angedeuteten persönlichen Erlebnisse, den Wunsch auszusprechen, daß wir aus dem gemeinsamen Wege nach jenem Ziel niemals die Geduld und die Billigkeit in Beurtheilung der Gleichgiltigen oder Andersdenkenden verlieren mögen. Das Gegentheil würde aber eben so wenig gerecht als verständig sein. Wer sich selbst sagen muß, wie seine jetzige Einsicht und sein Urtheil nur nach und nach gereist sind, wie viel er dabei der Zeit und günstigen Einwirkungen, wie wenig dagegen dem eigenen Verdienste verdankt, der kann es weder unbegreiflich noch verdammlich finden, wenn Andere noch auf einer Stufe stehen bleiben, die er für immer überwunden zu haben seinem Genius dankt, denn der Fortschritt in Bildung und Menschenthum geht nicht sprungweise und nicht in den nämlichen Perioden bei jedem Individuum vor sich. Wie ein Knabe, unter christlichen Umgebungen aufwachsend, die ihm fremden Juden für eine seltsame Abart halten, und den Druck, in welchem sie leben, als etwas was einmal so sein müsse ansehen konnte, so giebt es leider noch Erwachsene genug, die nicht über diese Stufe hinausgekommen sind. Ja, wie sich muthwillige oder bösartige Kinder finden, denen Hohn und Mißhandlung nur ein unterhaltendes Schauspiel dünkt, so müssen wir unter allen Volksklaffen auf eine — wenn auch nur geringe — Zahl von Männern und Weibem gefaßt sein, welche die häßlichen Kinderschuhe niemals ablegen zu wollen scheinen. Bedauern wir diese sittlich Unmündigen, und trösten wir uns ihretwegen mit der Gewißheit, daß, so lange es noch geistigen Pöbel giebt, dieser wenigstens die Welt nicht regieren wird, daß kindische Naturen den Fortschritt der reifem Gesittung nicht aufzuhalten vermögen, sondern stets dazu bestimmt sind, von ihr unterworfen, gezügelt und allmälig erzogen zu werden. Gleichwie ferner der unklare Jüngling die einzelnen Juden, welche durch die Verhältnisse ihm näher traten und seine Achtung und Zuneigung finden mußten, nur für rühmliche Ausnahmen von der Regel hält, so ist es noch jetzt vornämlich ein nebelhaftes Vorurtheil, welches nur so lange auf der Gesammtheit der Juden lastet, als sie der übrigen Bevölkerung persönlich fremd und fern bleiben. Diese trüben und kalten Nebel zu zerstreuen, dazu werden die Bemühungen auch unseres Vereins helfen, insoweit sie darauf gerichtet sind, in allen sozialen Verhältnissen die Juden der christlichen Mehrzahl näher zu bringen und sie mit ihnen zu vermischen. Denn in jedem rein menschlichen Verhältniß, wo der Mann dem Manne unbefangen gegenübersteht, ihm frei in's Auge und Herz sieht, da fragt man schon jetzt nicht mehr nach Glauben und Abkunft, da lernt man der von Ammen und Pfaffen eingesogenen Grillen sich schämen. Ob die Juden auf die Eigenthümlichkeiten, die sich bei der, Jahrhunderte lang erzwungenen, Absonderung naturgemäß in ihren Sitten und im Privatleben erhalten haben, auch ferner Werth legen, oder ob dieselben sich allmälig verwischen werden, das ist in der Lhat sehr gleichgiltig, insoweit solche Gewöhnung nicht durch die Religion eine höhere Bedeutung empfangt. So viel ist gewiß, daß Manche dieser Gebräuche sinniger und jedenfalls durch ihr Alter anziehender sein mögen, als die faden, stets wechselnden Moden unserer sogenannten feinen Gesellschaft. Aber auch unter den Christen ist Gottlob die Anerkennung wol schon allgemein, daß solche Aeußerlichkeiten den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.