Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 25 (14.6.1847)
- Date
- 1847-06-14
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
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375 Hep Hep Geschrei berührte mein Ohr nicht, als es pestartig die Städte durchzog, und würde nur meine kindische Neugier erregt haben, wie jeder Lärm von Gassenbuben. Auf der Gelehrtenschule und spater auf der Universität lernte ich mehrere jüdische Kameraden kennen. Sie kamen mir für Alles, was der Jüngling an Freunden sucht, nicht anders als die Christen vor, und eben so wenig konnte ich die getauften Juden von den ungetauften unterscheiden. Ich dachte: es giebt also doch löbliche Ausnahmen unter den Juden, und reflektirte nicht weiter über die Sonderbarkeit, daß es eben diese Ausnahmen von einer vermeintlichen Regel seien, welche mit mir zusammentrafen. Solchen persönlichen Freunden hätte ich sogar gerne gegönnt, daß sie, wie ich, Advokaten, oder was sonst ihre Neigung war, geworden wären. Als praktischer Jurist fand ich mich aufgefordert, über den Grundsatz der Gerechtigkeit nachzudenken, nicht nur des Rechtes, welches im Judenreglement zu finden, sondern auch desjenigen, das mit uns geboren ist. Diese formelle abwägende Gerechtigkeit predigt unwiderleglich den Satz, daß im Verhältniß des Einzelnen zum Staat Rechte und Wichten sich gegenseitig bedingen, und daß für die bürgerlichen Verhältnisse der Individuen das gelten müsse, was man mit den Worten „gleiche Pflichten gleiche Rechte" bezeichnet. Die Anwendung ergab sich von selbst: wo die Juden, wie inHamburg, hinsichtlich ihrer Pflichten den christlichen Bewohnern ganz gleichgestellt sind, da ist es eine schreiende Ungerechtigkeit, ihnen die staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten zu wollen. Freilich ist diese Voraussetzung der gleichen Pflichten eine zufällige, wie sie denn bei uns erst seit der Fremdherrschaft besteht. Die Themis, welche die Waage hält, die engherzige Göttin der Juristen, würde nicht mehr zürnen, wenn man denen, welchen die wichtigsten Rechte versagt werden, auch die Pflichten, die sie gegen den Staat erfüllen, zum Ersatz wieder abnähme, also etwa die Juden vom Bürgermilitär, von der Entfestigungs- oder Brandsteuer befreien, oder ihnen nur eine geringe Quote davon zur Last bringen wollte. Die Rechnung würde auch dann keinen so handgreiflichen Fehler aufweisen. Aber auch die Juristen sollen Menschen sein oder werden. Seitdem ich daran an mir selbst arbeite, seitdem ich Mann geworden bin, betrachte ich die Gleichstellung der Juden aus einem andern Gesichtspunkte. Sie hat aufgehört für mich eine Frage zu sein, sie ist ein Postulat meines sittlichen Bewußtseins geworden. Ich sehe im Juden nicht mehr etwas seltsam Fremdartiges, sondern den Menschen, der mir gleich ist; ich sehe in ihm nicht den persönlichen Freund, dem ich seiner Liebenswürdigkeit wegen gönne, daß er sich frei bewegen und glücklich sein möge, sondern meinen Mitbruder, zur Freiheit und allseitigen Entwickelung berufen, wenn er auch mein persönlicher Feind wäre. Mein juristischer Verstand könnte mich nicht mehr beschwichtigen, wenn auch den Juden alle Steuern und sonstige Staatslasten wieder abgenommen würden. Auch dann würde ich mir sagen: es sind meine geborenen nicht nur Mitmenschen sondern auch Mitbürger, es ist eine Schmach und Unnatur, daß der Staat sie zu Heloten herabwürdigt. Soll ich mich nun dieses Standpunktes rühmen? das sei fern! Aber ich freue mich seiner um der Sache willen, die uns hier vereinigt. Denn das Beste, was wir in uns selbst errungen haben, theilen wir mit allen Guten unseres Zeitalters; der Grad von geistiger und sittlicher Bildung, zu dem wir uns selbst erheben, ist nicht unser Privateigenthum, Tausende und Millionen um uns stehen schon auf derselben Stufe. Nur Geistern erster Größe, einem Lessing, einem Börne, war es vergönnt ihrem Zeitalter voranzueilen; wir Anderen sind die Kinder unserer Zeit. Die Wahrheiten, welche unfern Kopf erhellen und unser Herz erwärmen, sind keine Erfindungen des Einzelnen unter uns: sie sind der Samen, der von dem Geiste der Freiheit und Menschlichkeit mit voller Hand ausgestreuet wurde, der nicht in uns allein einen empfänglichen Boden gefunden hat, sondern einen solchen in jeder Menschenbrust findet, die sich ihm nicht vorsätzlich verschließt. Unsere innersten und entschiedensten Ueberzeugungen sind nicht unser Verdienst, sondern unsere Freude und Hoffnung beruhet eben darauf, daß unzählige Mitmenschen auch in unserm Vaterlande unsere Gesinnung theilen, daß wir schon jetzt in einer großen, wenn auch körperlich getrennten Gemeinschaft stehen. Aber aus dem Samen soll der Baum sich entfalten, er soll heranwachsen und Blüten treiben, um die ersehnten Früchte zu bringen. Ist nicht für uns das Erhebendste beim Anblick der erwachenden Natur die Zuversicht, daß jede keimende Pflanze stets höher