Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 24 (7.6.1847)
- Date
- 1847-06-07
- Page
- Seite 365 (sequence 13)
- Language
- German
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365 Besonders viele Anfragen liefen in Folge der gemischten Ehen ein. Die ersten deutschen Juden, die nämlich vor zehn und zwölf Jahren herüberkamen, heiratheten sehr oft Amerikanerinnen, da jüdische Mädchen damals sehr selten waren. Je mehr die Juden sich jetzt an allen Orten niederlassen und zu Gemeinden sich organisiren, desto mehr fühlen jene das Unangenehme ihrer Lage, desto mehr stellen sich die Folgen davon heraus. Diejenigen Amerikanerinnen zwar, die zum jüdischen Glauben übergetreten sind, sind streng religiöse Jüdinnen, selbst was das Zeremoniell anlangt. Auf sie ,ist keineswegs der Satz des Talmuds anwendbar Vtna'b nncDD v'-u triap, sondern vielmehr jener Spruch unserer Weisen: «b k'Sx dfT’b? iDOWizs '12 nVn matNa bansr ns riaprs yito 'b avisin d'ia (Pesachim fb) und es liegen auch mehre Anfragen um Aufnahme in die jüdische Religion dem i"a vor. In denjenigen Ehen aber, in denen die Frauen Christinnen geblieben, da kommen sehr sonderbare Fälle vor. So frug eine kleine, im Südwesten bestehende Gemeinde über folgende Fragen an: Eine christliche Frau gebar ihrem jüdischen Manne (die Leute sind natürlich alle nur bürgerlich getraut) einen Knaben. Er ließ denselben beschneiden; darauf verreiste er, und die Mutter trug das Kind in die Kirche und ließ es taufen; allein bald darauf verstarb es, und die Gemeinde weiß nicht, ob sie das Kind jüdisch begraben soll. — Dann, ein Mann, der mit einer Christin verheirathet war, starb; die wenigen Juden des Ortes kamen, waren ihn liita» und legten ihn in seinem vraiv in den Sarg, den sie zumachten, und gingen dann, ohne einen naiv da zu lassen, weg. Die Frau, die eine Katholikin war, holte dann ihre christlichen Freunde, die den Sarg wieder öffneten, dem Manne seine Feierkleider, nämlich Frack und Hosen, anzogen, ihn dann wieder in den Sarg legten, und Letztem schlossen. Die Juden erfuhren dies, nachdem die Leiche schon begraben war, und fragen nun an, ob sie die Leiche nicht wieder ausgraben sollen. — Eine dritte Gemeinde hatte eine Anfrage anderer besonderer Art, ob sie nicht sechs Fuß über den massa ihres Gottesackers ein Haus bauen dürft. — Man sieht es schon an diesen Fragen, wie jung das Judenthum hier noch ist; nichtsdestoweniger steht ihm eine freudige Entwickelung bevor. Man darf nur an die Beurthcilung desselben nicht mit deutschen Augen und deutschen Ansichten gehen. Denn wer von den hiesigen Gemeinden erwarten wollte, daß sie dasselbe leisten sollten, was die Gemeinden in Deutschland leisten können, der ginge weit aus irre. Denn es fehlt hier die reiche Klaffe, da bisher nur Arme eingewandert sind, die sich erst hinaufzuarbeiten haben; es fehlt hier die große gebildete Klasse der Städter, da die meisten Leute vom Lande her sind; dagegen fehlt auch die ekelhafte Klasse der Indifferenten, und die Juden Amerika's haben Herz und Willen für ihren Glauben. Das rcformatorische Bestreben Deutschlands, das in aller erster Instanz in dem Streben nach Emanzipation wurzelte, findet daher auch hier weniger Anklang, da man frei von vorneherein ist, und es in den Augen des Amerikaners zur größten Zierde, und in allen Verhältnissen als ein Zeugniß von Gewissenhaftigkeit gilt, wenn man strikt an den Vorschriften seiner Religion hält. Man darf sich hier ja nicht von dem bewegten Geiste der jüdischen Theologen in Deutschland erfassen lassen. Ich erklärte mir diese Unruhe der Gemüther immer durch den Geist der Zeit. Diese ist einmal durchaus praktisch geworden. Sie hat der Philosophie den Rücken gekehrt und mit allem Eifer sich auf die praktischen Wissenschaften der Physik und Chemie geworfen. Resultaten und Erfindungen, wie den Eisenbahnen, den Dampfbooten, dem magnetischen Telegraph jauchzt das Jahrhundert zu; denn ihr Nutzen liegt handgreiflich vor Augen; alles Andere beachtet die Zeit weniger. Wir Theologen, mitergriffen von dieser praktischen Richtung, möchten nun auch spirituelle Dampfmaschinen und Telegraphen erfinden, um die Menschheit im Nu dem lieben Herrgott und der Vollkommenheit zuzuführen. Allein das thut sich nicht, trotz alles Schüttelns und Rüttelns, trotz alles Niederreißens und Aufbauens; die Menschheit braucht zu ihrer Entwickelung Zeit, und wer sie richtig beurtheilen will, muß Geduld haben, sonst wird er sie nimmermehr begreifen. Und bedarf man dieser Geduld im geistlichen Stande überall, so ist es besonders hier von Nöthen, wo der Keim noch so jung ist und sich erst zu entwickeln beginnt. Hat man aber diese Gabe dieses ruhigen, wenn auch keineswegs unthätigen Zusehens, so wird man mit den hiesigen Verhältnissen gewiß nicht unzufrieden sein. So bildet sich in Hardfort eben eine neue Gemeinde; in Buffalo haben sich die Juden eine rib beschrieben; in Rochcster werden in diesem Jahre auch die ersten Anstalten zur Orga-