Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 23 (31.5.1847)
- Date
- 1847-05-31
- Page
- Seite 345 (sequence 5)
- Language
- German
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345 wäre, und noch so ausgezeichnete Geistesgaben hätte, nicht einmal bei der Wahl eines Landtagsdeputirten, geschweige denn auf dem Landtage selbst erscheinen darf, — also in dieser Beziehung mit bescholtencn, der bürgerlichen Ehre verlustigen Personen in eine Kategorie gestellt ist! Womit hat der Jude in Preußen dies verschuldet? Ist er etwa ein Rebell gegen König und Gesetz? Enthalt sein Glaube auch nur das Geringste, was ein Mißtrauen gegen ihn, eine Beschränkung seiner Rechte auch nur entschuldigen könnte? Ist ein christlicher Staat, wenn er denn einmal so genannt werden soll, weniger christlich zu nennen, wenn er allen seinen Bewohnern gegen gleiche Pflichten gleiche Rechte zugesteht? Gerechtigkeit üben gegen Jedermann ohne Unterschied, ohne Ansehen der Person, das bestehlt das Christenthum nicht minder, als seine Mutter, das Judenthum; und: „Ich will ein gerechter, barmherzigerFürst sein allen meinenUnterthanen!" das hat unser König feierlich ausgesprochen an jenem denkwürdigen Huldigungstage, als auch in den jüdischen Gotteshäusern seines Landes für sein theures Leben, für sein erhabenes Herrscherhaus und seine lange, glorreiche Negierung des Himmels Segen erflehet wurde. Darum verzagen wir nicht! Gott möge und wird das Herz unsers edeln, das Gute und Rechte gewiß und entschieden wollenden Königs und die Herzen seiner Rathgebcr lenken, und uns wird geholfen — cs wird besser werden! Bis dahin wollen wir Trost schöpfen aus der Ueberzeugung, daß die Stimmung im Volke gegen die Juden doch wol nicht mehr so ungünstig ist, als man in den höheren Regionen der Gesellschaft glaubt. Das strenge, unbeugsame, aus dem Sittengesetze entsprießende Rechtsgefühl erfaßt und durchdringt immer mehr die Herzen des Volkes. Man gehe nur von oben herab mit gutem Beispiele voran; denn was man auch für hemmende Mittel anwenden mag — früher oder spater wird sich der Drang nach Gleichheit im Recht und vor dem Gesetz als eine Nothwendigkeit Geltung zu verschaffen wissen, in unserm gebildeten Vaterlande aber gewiß nicht durch gewaltsame Erschütterungen, sondern auf dem Wege der Humanität und der Intelligenz. Schon seit längerer Zeit sehen wir, wie gerade in den bedeutendsten Städten unsers Landes die düstre Wolke des Vorurtheils gegen Juden und Dissenters immer mehr schwindet vor dem erwärmenden Lichte des Rechtes und der Billigkeit, und auch unsre Provinzialhauptstadt Magdeburg leuchtet darin den übrigen Städten der Provinz mit gutem Beispiele vor. Die Stadt Magdeburg war cs, die beim Provinziallandtage die völlige Emanzipation der Juden beantragte; in Magdeburg hat man langst Juden zu Stadtverordneten gewählt und gegenwärtig sitzt dort ein Jude als Stadtrath im Magistratskollegium, der die Achtung und Liebe seiner Mitbürger genießt und als obrigkeitliche Person mit demPublikum oft in unmittelbare Berührung kommt, ohne daß irgend eine Besorgniß darüber laut geworden, oder ein Uebelstand daraus erwachsen wäre. Und doch ist Magdeburg gewiß eine christliche Stadt, deren biedere Bewohner es hinlänglich bewiesen haben, daß sie die Religion als ihr höchstes Kleinod betrachten, und daß sie ihrer Ueberzeugung im Glauben treu zu bleiben wol fähig und entschlossen sind, würdig ihrer Vorfahren, die einst um des Glaubens willen die Feuerprobe von I63Ü so ruhmvoll bestanden haben. Dem rühmlichen Beispiele Magdeburgs ist nun auch die Stadt Nord Hausen gefolgt, indem sie dem, von ihr zum allgemeinen Landtage kommittirten Herrn Stadtrath Ramsrhal eine Petition um völlige Gleichstellung aller Religionsparteien im Staate, also auch der Juden, mitgegeben hat. Es ist dies wol ein sicherer Beweis von der Freisinnigkeit und dem Rechtsgefühle der hiesigen Bürgerschaft. Und in der That wohnen hier evangelische und katholische Christen, freie Protestanten und Juden in Ruhe und brüderlicher Eintracht friedlich neben einander, was in dem schlichten, biedern Sinne und in dem gcmüthlichcn Wesen der hiesigen Einwohner eben sowol seinen Grund hat, als in dem Umstande, daß Nordhausen in seinen Schulen sehr wackere und humane Lehrer und in seinen Kirchen meistens rationalen Ansichten huldigende, tolerante Geistliche hat. Ein Versuch, das Muckcrthum und den davon unzertrennlichen Glaubcnsstolz und Religionshaß einzuführen, wird hier mit Schmach und gebührender Verachtung bestraft; nur dem Streben nach Wahrheit und vernünftigem Fortschritte im Geiste der Zeit wird von Christen und Juden hier gehuldigt. So kann man es gewiß als einen vernünftigen Fortschritt bezeichnen, daß hier, wo noch zu Anfang dieses Jahrhunderts, als Nordhausen noch eine freie Reichsstadt war, kein Jude wohnen durste,