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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-05-31 · Heft 23 (31.5.1847) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 23 (31.5.1847)
Date
1847-05-31
Page
Seite 343 (sequence 3)
Language
German
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343 Leitender Artikel. Magdeburg, 23. Mai. Die preußische Ministerialdenkschrift zu dem neuen JudengesetzrEntwurf. Eine Denkschrift, ausgegangen von der höchsten Staatsbehörde, um einem neuen Gesetzentwurf zur Grundlage und Motivirung zu dienen, ist ein so wichtiges Objekt, das ausführlich zu besprechen zur Nothwendigkeit wird. Es kann nicht genügen, einen Gesetzentwurf zu kritisiren, und nach gangbaren Ansichten und Sympathieen zu beurtheiten — sind die Quellen geboten, aus denen der Entwurf und seine Bestimmungen Hervorflossen, so muß man auf sie zurückgehen, und damit den eigentlichen Lebensnerv des Entwurfs berühren. Hierzu kommt, daß ein solches Dokument noch weit über den Entwurf hinausgreift; es ist zugleich ein Urtheil über die nächste Vergangenheit, über die faktischen Zustände; es giebt zugleich allgemeine Maßstabe, welche über die Grenzen des speziellen Staates hinausgehen. Als Frankreichs Minister, als die höchsten Staatsbehörden Hollands ihre Urtheile über die jüdische Bevölkerung dieser Länder aussprachen — wie tönten sie über ganz Europa hinweg, und wie werden sie stets als achtbare Dokumente von hoher Autorität erachtet werden. Sie waren frank und frei aus eigener, lebendiger Anschauung hervorgegangen. Anders verhalt es sich mit der vorliegenden Denkschrift des preußischen Ministeriums. Mühsam windet sich das Urtheil aus zahllosen Dokumenten, Berichten, Berechnungen heraus, eine große Zahlenpyramrde wird aufgebaut, um eine bestimmte Meinung zu tragen, und den Richtungen des Entwurfs eine glänzende, Vielen unübersehbare Basis zu schaffen. Hier ist eine genaue Prüfung um so nothwendiger, es muß der Werth der Beweismittel erkundet werden, will man das Erwiesene in seiner Geltung oder in seiner Ungiltigkeit erkennen. Die Denkschrift besteht in dieser selbst, 55 Quartseiten fassend, und in zwei „Beilagen" von resp. 120 und 111 Quartseiten. Während nun die Denkschrift die Grundsätze und Motive entwickelt, enthalten diese Beilagen die materiellen Daten, die jenen zu Grunde liegen sollen, und wir halten es somit für den richtigen Weg, zuerst diese Beilagen zu beleuchten, um die Festigkeit der allgemeinen Grundsätze und Motive, die aus ihnen gezogen sind, sicherer beurtheilen zu können. Die erste Beilage giebt eine Darstellung der gegen: wattigen preußischen Gesetzgebung, eine Uebersicht der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in den deutschen Bundesstaaten und eine statistische Tabelle der Juden in den europäischen Ländern. Außer diesen Dokumenten aber giebt sie Ermittelungen über die sozialen, sittlichen und militärischen Verhältnisse der Juden in Preußen, und diese sind es, welche unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. In den sozialen Zuständen werden die Zählungen von 1843 zu Grunde gelegt, welche die Bevölkerung auf 206,050 Seelen, gegen 1840 eine Vermehrung von 11,942, angiebt. Es wird gezeigt, daß, wahrend die Christen um 28 Prozent, die Juden um 36 Prozent sich in 18 Jahren vermehrt haben, was durch die geringere Sterblichkeit unter den Juden verursacht werde. Als Hauptgrund wird die größere Schonung der Schwangeren und Kinder und daß die Juden selten von lebensgefährlichen Gewerben sich ernähren, angeführt — ganz zuletzt muß freilich auch die Mäßigkeit in geistigen Getränken berührt werden. — Die Vertheilung der Juden nach Stadt (166,332) und Land (39,718) wird besprochen und weitläufig aufgeführt. Jetzt kommen die Erwerbsmittel heran, und die Tabellen zeigen als Resultat: daß von 1000 selbstständigen Juden sich 1) mit dem Handel beschäftigen 431 2) als Handwerker 193 3) im Gesindedienst 101 4) ohne bestimmten Erwerb 87 5) als Gast- und Schankwirthe 47 6) als Tagelöhner 42 7) mit Wissenschaften 27 8) als Rentiers 27 9) von Gewerben 22 10) von Kommunatdienst 13 11) vom Landbau 10 Wer diese Tabellen überliest, zu welchem Resultat wird er sich veranlaßt fühlen? Bei großen Uebergängen müssen die Verhältnisse mit Berücksichtigung beurtheilt werden. Mißwollen wird auch die günstigsten Resultate für ungenügend erklären. Wir müssen gestehen, daß wir dieseTabelle mit Freuden begrüßt haben. Vor 1812 gab es nur handeltreibende Juden, da es keine anderen geben konnte. Selbst der unsterbliche Mendelssohn mußte ein Handeltreiben-

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