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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-05-17 · Heft 21 (17.5.1847) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 21 (17.5.1847)
Date
1847-05-17
Page
Seite 322 (sequence 14)
Language
German
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322 ist noch nicht da? Ist nicht unser ehrwürdiger Rabbi, ein Heiliger in Israel, uns schon entriffen und schmachtet im Kerker und duldet tausend Qualen? Genügt nicht das schon, daß die Heerde, die des Hirten entbehrt, sich demüthig vor Gott in den Staub werfe?..." Als der Greis diesen letzten Punkt berührt hatte, da erhoben sich die meisten Vorsteher, und sprachen: Ja, ec hat Recht, die Gemeinde muß ein Fasten halten, und das Beth din wird es verodnen. Wir müffen zeigen, wie hoch wir unfern Rabbi halten, den die Verrather zum Opfer ihrer Bosheit gemacht haben...GlühendeBlicke wandten sich aufMendel, der stolz zurückgelehnt saß, und die Blicke mit noch giftigeren erwiderte. Red Nachman schüttelte den Kopf; der Greis mochte fühlen, daß hier wieder einmal ein frommer Gedanke menschlich angewendet worden, und ihm Raum gegeben ward um Menschen willen. So verfehlt man oft im Leben den Zweck, indem man das Ziel erreicht. Der Vorsitzende begann wieder: „Nachdem wir also Gott die Ehre gegeben, ist es aber auch nothwendig, die menschlichen Mittel zu berathen, die anzuwenden. Denn Gott greift nicht vom Himmel herab: er sendet seine Schluchim (Boten). Und ob wir auch vertrauen wollen, daß er uns zur rechten Zeit den rechten Boten schicken werde, so müssen wir doch suchen, wie wir einen finden...." Er forderte den Aeltesten auf, zuerst seine Meinung zu sagen. Dieser sprach: „Haben wir einmal zuerst uns an den Allerhöchsten gewendet, gehen wir zunächst zu dem, der nach ihm kommt. Wir wollen eine Deputation an den Fürsten schicken, die sich vor ihm niederwerfe, und seine Gnade anflehe für die armen Juden, die doch auch seine Unterthanen sind." Hierüber wurde zuerst diskutirt. Es erhoben sich viele Einwände. Der Eine sagte: „Der Fürst kennt keine Gnade, er macht Alles vom Richterspruch abhängig." Der Andere: „Wir machen damit Nichts gut, im Gegentheil, wenn der Fürst uns abgewiesen, bleibt gar Nichts mehr übrig. Dahin sich zu wenden, muß das Letzte sein." Endlich schaffte sich ein Dritter Gehör. „Gehen wir," sagte er, „sogleich vor die rechte Schmiede. Wer hat über uns zu entscheiden? Der Minister und die Richter. Ist der Erste für uns, entscheiden die Anderen zu des Rabbi Gunsten — nun, dann sind wir gerettet. Wie aber kommen wir zu diesen? Aus Liebe zu uns, thun sie just Nichts, eher das Gegentheil. Aus Menschenliebe, ist Nichts zu erwarten. Wenn wir kommen mit vollen Händen, sind wir willkommen. Was wollt Ihr? Fragt bei Allen nach, wodurch je seit tausend Jahren die Gefahren von unseren Vätern abgewendet wurden? Waffen haben wir nicht, Herzensgute und Gerechtigkeit würden uns nicht in Gefahr bringen. Also — Geld. Nehmt Geld, sehr viel Geld, und bringt es hin; an den Minister geradezu, an die Richter durch Umwege — dann könnt Ihr hoffen. Was Wunder? Wir wollen gern kein Geld geben. Jene aber wollen's haben. So müssen wir's geben. Wir thun nicht Unrecht, denn Keiner will ertrinken, aber Jene. Geht nicht um den Brei herum, sondern mit dem Löffel oder mit der Hand geradezu hinein!" Durch diese einfachen Worte waren die Schleusen eröffnet; man befand sich mit einem Male aus der Förmlichkeit auf den vertrauten Boden versetzt, die Nachbaren besprachen sich untereinander; Jeder berechnete die Summen, die nöthig, die Personen, an die man sich wenden, die Wege, die man einschlagen müsse. Mendelsaß allein; Niemand sprach mit ihm, Niemand wandte sich an ihn. Allmälig wurden glühende Kohlen auf sein Haupt gesammelt. Endlich klopfte Reb Secharja auf den Tisch. „Ich glaube, daß wir so ziemlich einig sind über das, was zu thun ist. Der Vorstand wird drei Männer wählen, die das Einzelne zu besorgen und zu betreiben haben. Aber — wo das Geld hernehmen? Unsere Gemeinde ist arm, schon verschuldet...." Auf diesen Moment hatte Mendel schmerzlich gewartet. Leicht hatte er im Voraus den Gang berechnet, den die Berathung nehmen, und daß sie unfehlbar an diesem Punkte anlangen mußte. Jetzt blähete er sich wieder auf seinem Stuhle, jetzt hob sich sein Haupt wieder empor, und mit den Fingern trommelte er auf den Tisch. Er erwartete, daß man sich an ihn wenden würde. Eine Pause war entstanden. „Eine Kollekte!... rief ein Jüngerer aus. „Die würde kaum ein Viertel decken. Was könnte uns wol ein Zwanzigtausend Thaler helfen ... und wer sollte unter uns die aufbringen...." Manches Auge schielte auf den reichen Mendel. Dieser schwieg natürlich; aber die Anderen schwiegen auch. ,,Jetzt werden sie kommen ...." dachte er; aber sie kamen nicht, sie ignorirren ihn gänzlich. Aber Niemand schien auch Rath zu wissen. Da stand ein kleines, schwaches Männchen auf, welches bisher wenig gesprochen, hustete und sprach: „Seht, meine Herren! was ersten von den Schluchim Gottes gesprochen wurde, ist doch nicht so Unrecht. Ich habe

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