Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 21 (17.5.1847)
- Date
- 1847-05-17
- Page
- Seite 321 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Ein Mitglied, Reb Secharja mit Namen, begann: „Herr Mendel, der Vorstand hat, bei dem großen und eigenthümlichen Gegenstände, der zu unserer Erwägung heute vorliegt, beschlossen, den Vorsitz mir anzuvertrauen. In meinem langen, viel bewegten Leben habe ich mehre solcher Uvglückszeiren durchgemacht, wiesle jetzt auch über diese gute, fromme Kehilla gekommen, und darum Erfahrung in solchen Dingen gesammelt." Mendel erbleichte; er sah sich um; Niemand blickte auf ihn hin; stillschweigend verließ er den Stuhl des Vorsitzenden; aber Niemand machte ihm Platz; er setzte sich daher auf einen leeren Sitz am Ende der Tafel neben das jüngste Vorstandsmitglied. Seine Hand ballte sich, seine Lippen kniff er zusammen. Jetzt erst nahm Reb Secharja den Vorsitz ein. „Nun, mein Herren," hob dieser an, „was uns heute vorliegt, brauche ich nicht erst weitläufig auseinanderzusetzen. Durch zwei gräuliche Verräther aus unserer Mitte — der Heilige, gelobt sei er, wird sie treffen um ihre Frevelthat, und unsere Thranen und Seufzer auf ihre schuldigen Häupter bringen" — (Mendel schauderte bei diesen Worten zusammen; er begann zu fühlen, was ec in seinem Dünkel sich verborgen, daß auch hier seine Herrschaft zu Ende gegangen) „ist ein drohendes Ungewitter über uns heraufgezogen, und es gilt die schwere Frage, wie es abzuwenden sei? Unsere Kräfte sind gering, unsre Hülflosigkeit groß, unsere Feinde mächtig — wir müssen auf Gott vertrauen; aber wir wissen, daß er in seinen unerforschlichen Rathschlüssen nicht immer das Böse abwendet vom Erdensohn, und es oft genug auf die Söhne Juda's fallen ließ in aller Strenge — warum? weiß Er allein und seine heiligen Diener, es wird wol um unserer Sünden willen sein — der Mensch aber muß sein Mögliches thun, um aus der Gefahr sich zu retten. Was nun hier das Mögliche sei, das haben wir herauszuft'nden." Ein Greis winkte, zuerst sprechen zu wollen. Reb Nachman haiteein strenges, fast finsteres Antlitz; über die abgezehrten, mit einer Hellen Rothe bezeichneten Backenknochen blickten blitzende Augen, die zu einem ungewöhnlichen Feuer sich beleben konnten; dabei starrten buschige Augenbraunen darüber hinaus; dabei streckten sich die langen, weißen, mageren Hände in die Luft; dabei wallete der lange, spitz zulaufende Silberbart, wie vom Sturme bewegt. Er sprach: „Ihr habt wohl gesprochen, Reb Secharja, daß man muß Gott vertrauen; gerade darum aber muß man sich zuerst an Gott wenden, und ihm die Ehre geben; gerade darum muß der Mensch zuerst sich demüthkgen vor Ihm, und sich kasteien, dassEis uns gebrochenen Herzens und zerknirschten Geistes schaue. Mi jodea jaschub venicham al hqraa, sagte der heilige Prophet. (Wer weiß, er kehret, um und ihn reuet des Unheils.) Ich trage daher darauf an, daß ein Taanis Iibbur, ein Fasten der Gemeinde gehalten werde, mit Bußgebet und Sündenbekenntniß, auf daß Er unsere Miffethaten vergebe, und von seinen reuigen Kindern das Unheil abwende." Die Vorsteher machten zu diesem Vorschläge verschiedene Geberden. Der jüngere Theil schien an dem Fasten kein Gefallen zu finden, oder von ihm keine große Erwartung, zu hegen. Von den Aelteren nickten Einige mit dem Kopf, andere schienen ihre Meinung in suspenso zu halten. Mendel, der sich jetzt stolz in seinen Stuhl zurückgelehnt, und die Arme übereinandergeschlagen hatte, gab nur durch ein höhnisches Zusammenziehen des Mundes seines Meinung zu erkennen. „Ein Fasten," sprach endlich ein jüngeres Mitglied, „ist unter uns nur Sitte, wenn ein Unglück schon gekommen; wenn das, was wir fürchten, eingetroffen, und das Mißgeschick unsere Hauser verödet und unsere Familien niedergedrückt hat, dann pflegt man in Israel einen Fasttag einzusetzen, zur Erinnerung für Enkel und Urenkel; aber nicht, wenn es droht, wenn es in Anmarsch ist, aber noch Niemand fühlt. ..." „Wie Jhr's versteht," fiel Reb Nachman hitzig ein, „wie Jhr's versteht! Sehet euch um in unsrer heiligen Geschichte, und ihr werdet eines Bessern belehrt. Als Jona den Untergang Nineve's weißfagte, da fastete man dort und kehrte um vom bösen Wandel, und der Barmherzige verzieh ihnen. Als die Heuschrecken kamen über Jerusalem, da rief der Prophet Joel einen Fasttag aus, und Gott vernichtete sie; als die Dürre drohte zu Jirmeja's Zeit, da fastete man. Als der Sohn Davids sterben wollte, da legte er seinen königlichen Mantel ab, und fastete und saß auf Asche. Und erinnert euch doch, als Esther zum König Achaschverosch gehen wollte, um den verruchten Haman zu Schanden zu machen, ehe sie ging, fastete sie drei Tage, und mit ihr alle Juden in Schuschan. Gerade da stehen wir auch; ein Haman ist da, aber noch keine Esther und noch kein Mordechar; nun so laßt uns an die Brust schlagen und uns kasteien. Sind wir wie dieHeiden, die glauben, Alles durch ihre Künste machen zu können: oder sind wir Bne Jisrael, die das Ol haschamajim auf uns tragen, und deshalb erwarten muffen ihr Heil und ihre Hülfe vom Allerheiligffen allein?... Und wie? wir fühlen es noch nicht? es drohet blos? es