Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 21 (17.5.1847)
- Date
- 1847-05-17
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
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3L0 Hai es ein so schönes und reiches Feld Ln der Verbesserung der sozialen Verhältnisse seiner Bekenner. So wie in der allgemeinen Welt, so waren auch im Judenthume die sozialen und religiösen Bestrebungen gänzlich von einander getrennt, und hingen miteinander fast gar nicht zusammen. Auf der einen Seite strebte man nach religiöser Reform, nach einem verbesserten Kultus, nach Abschaffung veralteter religiöser Formen, und beschrankte sich hierauf. Auf der andern Seite, ganz getrennt von jener, bemühte man sich um Hebung der sozialen Zustande, theils nach außen, indem man die bürgerliche Gleichstellung zu erkämpfen suchte, theils auch nach innen, indem man Gewerbe, Künste und Ackerbau unter den Juden zu befördern trachtete. Selten traten beide Bestrebungen in einem Individuum zusammen, und auch dann war es nur eine Zufälligkeit, weil eben Beide ein und dasselbe Objekt hatten, die Juden. Davon hatte man aber keine Ahnung, daß eigentlich beide Bestrebungen eine und dieselbe seien; daß die wahrhafte religiöse Reform im Judenthum im Herauskehren und Verwirklichen seiner Soziallehren bestehe, und daß die religiöse Reform erst auf diesem Gebiete aus der Negation, dem Verneinen alter Formen, herausschceite und in das Positive und Produktive komme; daß religiös und sozial im Judenthume identisch seien. Die bürgerliche Gleichstellung der Juden ist eine Verwirklichung des alten mosaischen Satzes: ein Recht und ein Gesetz soll allen Menschen sein; von dem Augenblick, wo die Juden auf die Gleichstellung Anspruch machten, arbeiteten sie ihrerseits an der Geltendmachung dieses religiösen Sozialsatzes; und sobald sie dies als eine religiöse Pflicht, abgesondert von allem Sonderinteresse, erkannt haben, kann hierbei von einer egoistischen Bestrebung nicht mehr die Rede sein. Streben ferner die Juden, ihre Glaubensgenossen aus dem beschrankten gewerblichen Kreise herauszubringen und ihnen eine humane Bildung zu verschaffen: so wenden sie auch hier nur ihre religiösen Soziallehren praktisch an, durch welche sie verdunden sind, ihren bedürftigen Brüdern zu einem erleichterten und vollgiltigen bürgerlichen Dasein zu verhelfen. Allein eben aus der bisherigen, ganz äußerlichen Haltung müssen diese Bestrebungen herauskommen, einen tief innerlichen und ausgedehnten Charakter müssen sie annehmen, sollen sie das werden, wozu sie bestimmt sind, religiös, jüdisch religiös, die religiöse Reform desJudenrhums zu werden. Wir haben im vorigen Artikel auf die Dringlichkeit von Gemeindeversammlungen und den Beruf dieser aufmerksam gemacht. Nicht als Freund demokratischer Formen — diese sind uns sehr gleichgiltig, und mag das Gute kommen, woher es wolle — aber erstens, weil wir in dem, durch solche Versammlungen geweckten Interesse allein die Rettung des jüdischen Gemeindelebens, das auf Null heruntergekommen, und fast nicht mehr existirt, erblicken, und zweitens, weil wir aus ihnen und durch sie das erhofften, was wir hier als religiös-soziales Ziel hinstellen: die Verbesserung der sozialen Zustände der Juden durch sich selbst in religiösem Geiste, nämlich nicht blos als ein Akt der Politik, um der Gleichstellung ein Hinderniß aus dem Wege zu raumen, nicht blos als ein Akt des Mitleidens — sondern als ein Akt der bewußten Brüderlichkeit, der aus dieser hervorgehenden Pflichten. Wenn in solchen Gemeindeversammlungen die Individuen, die einer Religion, aber den verschiedensten Standen zugehören, sich naher kommen, wenn in ihnen Allen ein gemeinsames Interesse sich herausstellt, wenn in solchen Versammlungen die Soziallehren unsrer Religion immer klarer und bewußter werden, und als ein bestimmter Geist der Brüderlichkeit das Bewußtsein Aller durchdringt; wenn von diesem Geiste beseelt eine Fürsorge Aller für Alle praktisch sich aufthut, und sich ein Gesammtinteresse, nicht der Juden für sich als einer etwa gesonderten Klasse, sondern der Individuen für einander bildet, wo Viele Opfer nicht scheuen, um Einem aufzuhelfen, wo moralisch und materiell für den Bestand der Einzelnen gewirkt wird — dann haben sie ein Ziel erreicht, das weit noch über die Grenzen der Judenheit hinausreicht, das der Welt ein Beispiel ist, und deß der Geist sich sicherlich immer weiter Raum schafft. Das Erste und Nothwendigste wird hier sein: für die Erziehung der kommenden Generationen zu sorgen. Auch hierin haben sich die Verhältnisse Ln der Welt sehr äußerlich gestaltet, und sind fast nur zu Formen geworden. Man sorgt für die Jugend der Armen, der Proletarier, indem man sie einige Stunden des Tages in die Schule schickt, ihnen da ein gewisses kärgliches Maß von Wissen einflößt, und sich sonst um Nichts bekümmert. Ob sie zu Hause an Leib und Seele verkümmern, ob der Hunger, der Mangel an ihrem jungen Körper nagt, ob das böse Beispiel der Trunksucht, des Zankes, der Unreinlichkeit rc. die zarten Keime der Seele zerstört, I und die Rohheit, die sie vor sich sehen, alle jungen