Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 20 (10.5.1847)
- Date
- 1847-05-10
- Page
- Seite 305 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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305 kömmling des Judenthums! (Beifall.) Demnach beten Christ und Jude zu demselben Schöpfer; des Christen Geist glaubt an des Juden heil'ge Bibel, und die Zehn Worte vom Sinai, die man in den Synagogen liest, werden wiederholt in Kirchen und Kapellen. Eine Religion der Liebe nennt sich die christliche und ich will das Recht zu der Benennung nicht bestreiten. Aber sicherlich, die Religion, die dem Menschen zuerst lehrte: „Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben!" — „Du sollst den Fremden lieben!"— „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" sicherlich die Religion hat wenigstens dasselbe Recht zu jenem Namen! (Großer Beifall.) Ich wiederhole cs: der Unterschied zwischen Judenthum und Christenthum, wie groß er auch in den spekulativen Dogmen sei, findet sich durchaus nicht in den moralischen Wahrheiten, denn diese sind in Beiden gleich. Unsere Gegner rufen aus: „Eure Bibel und ihre Lehren sind „von Gott und daher gut, aber Eure Auslegungen „derselben sind von Euren Rabbinen und sind anti- „sozial!" Ist dieser wiedergekäute Vorwurf aber gerecht oder irgendwie begründet? Ein Lehrer des A. T. hat gesagt: „Sei empfänglich für die Wahrheit, von wem sie dir auch verkündet werde!" JmN.T. steht: „An der Frucht sollt ihr den Baum erkennen!" Ich nehme diesen Text an und behaupte: So lange man allgemein gesteht, daß die Juden in der Regel treue Gatten, gute Väter und loyale Unterthanen sind, — daß sie mäßig, steißig und wohlthätig sind, — so lange der Juden Ehrgefühl und Ehrlichkeit klar bewiesen sind durch das große und allgemein bekannte Faktum, „daß sechs kurze Worte*) ihnen Alles ver- „schaffen würden, was sie wünschen (Beifall), aber „daß sie diese sechs Worte nicht sagen wollen, weil „sie sie nicht gegen ihr Gewissen sagen können" (allgemeine stürmische Bravos) — so lang all dieses wahr ist, und wer kann es leugnen? so sage ich: „An diesen Früchten mögt ihr den Baum erkennen!" (Donnernder Beifall.) Sicherlich also sind die Lehren, die Erziehung des Juden nicht antisozial, und können durchaus nicht seinen Anspruch vernichten auf die gleichen Rechte, deren Erlangung er am Innigsten wünscht, deren Besitz er am Höchsten schätzt! Bis *) By the faith of a Christian. („So wahr ich an Christum glaube.") So lautet der Schluß des englischen Beamteneides. jetzt sind des Juden Kräfte gelähmt von außen und gewaltsam beschränkt auf die enge Sphäre der Familien- und Kommunalpflichtcn, auf persönliche und Lokalinteressen. Aber gebt seiner Thätigkeit Raum, öffnet ihr das größere, edlere und nützlichere Feld des Staatsdienstes und der Nationalinteressen, und Ihr werdet sehen, ob seine Religionsgebote seinen Bürgerpflichten widerstreiten, ob seine Liebe zu Zion seine Anhänglichkeit am Vaterlande schmälert, ob er gegen seinen Fürsten weniger loyal ist, weil er treu bleibt seinem Gott! (Wiederholter Beifall.) Meine Herren! Vielleicht nehme ich Ihre Aufmerksamkeit zu lange in Anspruch; aber auch auf die Gefahr hin, Sie zu ermüden, wiederhole ich: die Emanzipation der Juden ist eigentlich nur Gerechtigkeit! Alles, was der brittische Jude von seinen christlichen Landsleuten fordert, ist nur, daß sie ihren eigenen Grundsätzen folgen und gegen ihn gerecht seien. Und als Dank dafür bietet er ihnen brüderliche Liebe, Treue dem Vaterlande, seine beste Kraft zu dessen Dienst, sein bestes Blut zu dessen Kampf! (Großer Beifall.) Dann wird die Gerechtigkeit sein wie die Liebe, „zwiefach gesegnet bei dem, der giebt, und denen, die empfangen!" Ich frage Euch, meine christlichen Brüder, die ich hier versammelt sehe: soll diese Gabe uns verneinet, dies unser Anerbieten denn verworfen werden? Soll trotz allem Lichte, da» Wahrheit und Wissenschaft im Lande verbreiten, die letzte Zwingburg der Unwissenheit, der Lüge, des Vorurtheils noch in drohender Finsterniß stehen? Soll der Fanatismus frei sein trotzig böses Haupt erheben dürfen? Nein! Ihr Männer und Brüder! Ihr werdet das nicht zulassen! Eure Stimme, die unwiderstehliche Stimme der öffentlichen Meinung, wird der guten Sache diesen krönenden Triumph erringen, und der letzte, der größte Schandfleck wird von der Fläche der Erde verschwinden, und die hehre Sonne der Gedankenfreiheit, der Gewiffensrechte wird erleuchtend und erwärmend glänzen an dem Firmament der Menschheit auf ewig! (Großer, anhaltender Beifall.) Also, meine Herren, auf baldige und vollkommene Emanzipation der Juden!