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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-05-10 · Heft 20 (10.5.1847) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 20 (10.5.1847)
Date
1847-05-10
Page
Seite 304 (sequence 12)
Language
German
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304 eine Scheidewand gezogen zwischen Jud' und Christ? Sicherlich nicht! Denn die Natur zählt den Juden wie den Britten zu dem höchst begünstigten menschlicher Stämme, dem kaukasischen, und macht zwischen Beiden keinen Unterschied. Und die geoffenbarte Lehre Gottes sagt in Worten, die keinen Jrrthum zulasten, daß wir Alle einen Vater haben, daß ein Gott uns Alle geschaffen! (Beifall.) Wenn nun weder physisch noch geistig, was denn ist der Unterschied zwischen den Juden und ihren mehrbegünstigten Landsleuten? Es ist das, was über jedem menschlichen Tribunal, ja, über dem eigenen Willen des Menschen steht: der religiöse Glaube des Juden! Weil in mehren Punkten Jud' und Christ nicht dasselbe glauben, darum soll der Jude leiden für die Ausübung des Rechtes, das dem freien jedoch verantwortlichen Menschen am Meisten nöthig ist, das Recht, nach des Gewissens Mahnung Gott zu verehren?! (Hört, Hört!) Mit grundlosen, schändlichen Strafen und Vermögensbußen ward dies heiligste, dies unveräußerliche Recht gcvehmt vom dunkeln VorurtheiU Das Vorurtheil, vom grauen barbarischen Mittelalter gezeugt, ist auch mit ihm vergangen, aber noch hat die erleuchtete Gegenwart diese Strafen, diese Vehmen nicht getilgt! (Beifall.) Ich könnte mit Recht Eure Dankbarkeit in Anspruch nehmen, Ihr frommen Christen, dafür, daß wir durch Jahrhunderte des zügellosen Götzendienstes, das Helle Licht der reinen Religion Euch ungetrübt gewahrt! Und von Euch, gelehrte Christen, könnte ich Erkenntlichkeit fordern! Denn als Europa in die tiefe Unwissenheit der Barbarei versunken war, als rauhe Krieger und rohe Pfaffen um die Wette alle Wissenschaft verhöhnt und ihre Schüler geknechtet und gefoltert: damals wurden die kümmerlichen Flämmchen der Wahrheit und Erkenntniß, die in der Finsterniß noch schimmerten, sorgsam und liebreich genähret und erhalten durch die Juden Spaniens! (Donnernder Beifall.) Doch nicht der längst vergangenen Zeiten will ich hier gedenken. Ich darf behaupten, daß der Glaube, wie die Liebe, frei ist, daß er nie erzwungen werden kann, da er das Resultat einer Ueberzeugung ist, die wir uns nicht nach Gutdünken schaffen können. Ferner, wie schädlich auch die Unmöglichkeit, gewisse Sätze zu glauben, für uns ist — wie ernstlich wir auch wünschen mögen, sie glauben zu können, so steht es doch nicht bei uns, diesen Wunsch zu erfüllen, so lang wir uns nicht frei überzeugt fühlen! Es ist also ärger als ungerecht, es ist grausam, daß wir leiden sollen, weil wir das unterlassen, was wir nicht thun können. (Beifall.) Kein richtig Denkender wird diese Punkte bestreiten. Aber ich gehe weiter und behaupte, daß nicht Meinungen, sondern Thaten vor den menschlichen Richterstuhl gehören, und daß nur solche Meinungen unter Aufsicht stehen müssen, die in schlechte Gesinnungen ausarten oder zu Thaten führen, welche der Moral, also dem Gemeinwohl entgegen sind. Aber haben die religiösen Dogmen der Juden solche Wirkungen in ihrem Betragen gezeigt? (Beifall.) Eine zuverlässige Antwort auf diese Frage giebt das Zeugniß unserer Gegner, die unsere Ansprüche in beiden Parlamentshäusern auf's Hartnäckigste bekämpften, und dennoch eingestanden, ja, eingestehen mußten, daß die Juden eine loyale, fleißige und moralische Menschenklasse seien. (Erneuerter Beifall.) Und warum sollten sie's nicht sein? Ich gebe zu, daß in den Glauben der Juden und Christen eine sehr bedeutende Verschiedenheit ist. Aber man vergesse nicht, daß diese sich nur auf spekulative Grundsätze, nicht auf moralische Wahrheiten; auf Dogmen, nicht aber auf Lebensregeln bezieht! Was das Moralgesetz dem Christen untersagt, das ist durch die Moral auch dem Juden verboten! Was dem Christen seine Pflicht befiehlt, das gebietet die Nächstenliebe auch dem Juden! Alle Mcnschenpflichten, alle Tugenden, die dem Christen theuer sind, waren stets auch dem Juden heilig! Denn das Christenthum ist wie ein Kind zum Judenthum! Das Judenthum ist verglichen worden mit dem ewig grünen Oelbaum auf dem Gipfel des gesegneten Karmel. Viertausendjährige Stürme haben um seinen Stamm gewüthet, doch ihn nicht erschüttern, ja selbst nicht schwächen können! Ewiger Schnee bedeckt seine Blätterkrone, aber sein innerster Kern ist stark und lebenssrisch, und seine Wurzeln greifen weit und tief und fest hinein in den uralten Schooß der Berge und lagern sicher im Schutz des ewigen Felsens! (Rauschender Beifall.) Aus seinem Stamm entsproß ein Schößling, der wachsend sich ausbreitete, bis er den väterlichen Baum überschattete. Viel wilde Oelzweige sind darauf gepfropft worden. Diese sind genährt und veredelt worden durch die kraftvollen Säfte des alten Stammes, denn immer sind es seine Wurzeln, die den Schößling tragen mit allen seinen Zweigen und immer bleibt das Christenthum ein Ab-

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