Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 20 (10.5.1847)
- Date
- 1847-05-10
- Page
- Seite 296 (sequence 4)
- Language
- German
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296 Mosaismus in der Einheit der Idee und des Lebens eine neue Verwirklichung fände, die ganz mit den Erfordernissen der Zeit in Einklang wäre. Das Judenthum erhielte einen neuen Schwerpunkt in der Gemeinde, den es früher blos in der Synagoge und dem Formgesetz hatte. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Preußen. Berlin, 1. Mai. In der Sitzung vom 23. April wurde vom Abg. Ritter eine Petition eingereicht „um Emanzipation der Juden", und der 7ten Abtheilung überwiesen. — In der Sitzung vom 27. April wurde vom Abg. Wächter ein Antrag „aus Emanzipation der Juden" eingebracht, und der Isten Abtheilung überwiesen. — In derselben Sitzung ein Antrag des Abg. Hirsch auf Aufhebung des Leibzolles resp. auf russische und polnische in Westpreußen und Posen eingehende, wie auf diesseitige, nach Rußland und Polen eintretende Juden, erster Abtheilung übergeben. — In derselben Sitzung Denkschrift der Abgeordneten der Stadt Berlin, betreffend die Emanzipation der Juden, Iste Abtheilung. — Wenn demnächst einerseits dem Landtage der Gesetzentwurf auf Nichtgleichstellung, so liegen ihm andrerseits sechs Anträge auf Gleichstellung vor, die uns vorläufig die günstige Stimmung des Landtags verbürgen. Berlin, 1. Mai. (Privatmitth.) An dem unschuldigen, harmlosen, unwirksamen weil unthätigen Kulturverein ist diesmal das Schicksal der Auflösung auf polizeilichem Wege schonend vorübergegangen. Schade! er hätte dann wenigstens noch ein Aufsehen erregendes Ende genommen, da seine Existenz niemals ein solches zu machen befähigt war. Dieser Verein hielt vor einigen Monaten eine Generalversammlung, in welcher die Absendung einer Petition um Judenemanzipation an die Provinzialstände beschlossen wurde. Diesen Beschluß hielten die Behörden für einen politischen Akt und somit für eine Ueberschreitung der Grenzen der Vereinswirksamkeit, was ein Polizeireskript zur Folge hatte, worin die sofortige Auflösung des Vereins verlangt wird. Durch viele Fürsprache ist die Rücknahme der Ordre bewirkt worden. Bon der Elbe, 2. Mai. (Privatmitth.) Der schöne Mai hat begonnen; alle verspäteten Erscheinungen des Frühjahrs stellen sich ein. Schon sind die grauen Zweige der Aprikosenbäume mit rothweißen Blüten überzogen; schon geht das Grau des Rasens in üppiges Grün über, die Sträucher haben ihre hellgrüne Hülle übergezogen, und die Bäume beginnen an den Enden derselben zu zupfen. Die Sänger des Frühlings sind aber noch Alle fern, und das Innere der Gebüsche und Forste noch stumm und todt. Aber wer kümmert sich heuer darum? Der Schrei der Noth übcrtönt das Schweigen des Gebüsches; nicht um die Blumen und Blüten, sondern um die Früchte ist die Frage, ist die Sorge wach. Jndeß man weiß, daß auch die Noth nur ihre Zeit hat, und daß (mit Gottnach wenigen Monden!) bald bei freieren Gedanken und Athemzügen auch andere Dinge wieder zur Sprache kommen werden. Daher wird man es nicht auffällig finden, wenn wir trotz der obwaltenden allgemeinen Noth dennoch die ganz besondere Judennoth zur Sprache bringen, das, was im Augenblick die Herzen der Preußen israelitischen Glaubens bedrängt und bedrückt. Der Gesetzentwurf ist bekannt. Zwar nimmt er in seinen Haupttheilen den Juden Nichts, was sie bis jetzt in Preußen gehabt hätten, obgleich er ihnen auch Nichts bringt — denn die Paar kleinen Konzessionen sind so von Bedingungen ummauert, daß man in ihnen keine Erweiterungen erachten kann — denn wenn nun wirklich in der preußischen Armee ein Jude Unteroffizier ist, und davon */* auf Zivilversorgung Anspruch macht, oder 50 Juden Privatdozenten werden, wovon es Einer bis zur außerordentlichen Professur bringt, das kann wahrlich für 200,000 Seelen keine Bedeutung haben — so hat er ihnen doch Eines entzogen, was von großem Werthe ist, was unschätzbar, gegen die Enttäuschung gehalten — nämlich die gute Hoffnung. Ja, wir Juden in Preußen waren guter Hoffnung, fünfunddreißig Jahre waren wir guter Hoffnung, in 15 Jahren hätten wir das Jubiläum derselben gefeiert! Guter Hoffnung ist man aber, wenn man mehr erwartet, als man bis jetzt besitzt, mehr Glück, mehr Gut, mehr Segen — um so zu bleiben, wie man war, ist man nicht