Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1847)
- Date
- 1847-04-26
- Page
- Seite 272 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Belletristisches. Wer Nabbi und der Minister. Eine Novelle aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung aus No. 7. 9. 11. 13. 15. 17.) „Armer David!" rief Joseph aus. „Ja, da lag ich im tiefen Keller zerschlagen und betäubt ... ich, der alte Bachur des Rabbi Haller, Gott beschütz' ihn, im Keller eines Goj. Doch was halfs ... als ich wieder zu mir kam, und Alles, was geschehen, mir wieder durch den Kopf ging, fühlt' ich mich wenigstens beruhigt, die Tochter meines Lehrers nicht verlassen zu haben, und daß ich einst vor ihn treten und sagen könnte: ich habe gelitten um ihretwillen... aber..." und neue Worte des Unwillens entfuhren unverständlich den Lippen des alten Bachurs, bis Joseph die Frage an ihn richtete: „Wie lange bist Du denn im Keller gewesen? Und wie bist Du herausgekommen?..." „Das ist eine lange Geschichte, und ich muß sie Dir erzählen, Joseph."' Joseph hatte langst auf dem einzigen Schemel Platz genommen, der im Zimmer vorhanden, und David stand vor ihm. Jetzt aber ließ dieser sich auf den Tisch nieder — was dem langen Menschen nicht schwer wurde. „Es war völlig dunkel im Keller," hob der Bachur wieder an, „als ich aus der Betäubung erwachte, und ich traute mich kaum zu rühren, da auch kein einziger Lichtstrahl die Finsterniß erhellte, und, da ich mit den Armen herumtastete, bald auf hölzerne Gerüste fühlte. Um mich also nicht zu stoßen, und mir nicht wehe zu thun, blieb ich geduldig liegen, bis es Tag werde. Offen gesagt, so kalt und feucht mein Lager, ich schlief doch bald ein. Ich erwachte beim Geraffel der Thüre; es trat einer der verhaßten Schlingel ein, die mich in den Keller praktizirt hatten, stellte einen Krug Waffer und ein Stück Schwarzbrod hin, und sagte: „Friß, Jude, daß Du nicht Hunger stirbst; Anderes würdest Du doch nicht essen von uns." Und damit lief er davon. Ich schrie ihm nach: Laßt mich heraus aus dem Loch! aber er schlug höhnisch lachend die Thüre zu, schloß ab, und rief durch das Schlüsselloch: „Ei, wir haben zwei Bögel statt einen gefangen, ein Täubchen und einen alten Raben . .." und seine Schritte verhallten." „War es denn nur hell im Keller?" frug Joseph. „So ziemlich; ich bemerkte in der Höhe ein Kellerloch, welches wol in den Garten ging. Als sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, sah ich, daß ich im Weinkeller stäke. Mehre größere und kleinere Fässer standen in Reihen auf hölzernen Böcken. Anfänglich betäubte mich der Weindunst, aber auch hieran gewöhnte ich mich. So waren Brod und Wasser, und kärglich zugemessen, meine Nahrung; oft trieb mich der Durst und die Schwäche an die Fässer, aus denen ich leicht einen Trunk Weines bekommen konnte — aber es war Neßach: ich ließ es." Den armen David erschöpfte sichtlich das viele Sprechen, was ihm eine ungewohnte Arbeit; aber bald fuhr er fort. „Am zweiten Tage überlegte ich mir, daß doch was geschehen müßte. Aber was? Der Keller war überall gewölbt. Die Thüre könnt' ich nicht erbrechen, und wäre ich doch nur wieder meinen Feinden in die Hände gerathen. Was blieb übrig? Das Kellerloch. Da müßt' ich durch, das sah ich. Aber wie? Ich war keine Katze und keine Fledermaus. Aber ich war lang, und kaum hatt' ich ein Paar Holzscheite über einander gelegt, als ich bequem zu dem Loch hinaufreichte. Ich bemerkte, daß der Bau noch nicht zu alt sei, und konnte so hoffen, wenn auch mit vieler Mühe, einige Steine los zu bekommen, und so das Loch zu erweitern. Ich suchte im ganzen Keller umher, konnte aber nur ein Paar Holzstücke finden, mit denen ich graben und wühlen könnte. Auch mußte ich es sehr vorsichtig machen, damit man es eben so wenig von außen bemerke, wie der Bediente, der mir täglich zweimal mein Brod und Waffer brachte...." „Sieh, wie klug und gewandt!..." rief Joseph aus. „Ein Gebet zu dem, der die Gefangenen befreit (Mattir assurim), sendend, begann ich zu arbeiten. Es ging sehr schwer. Meine Holzstücke zerbrachen an dem harten Kalk; die losgebröckelte Erde mußte ich im Keller verstreuen und feststampfen; endlich ging der erste Stein los, es war eines ganzen Tages Arbeit; doch mußte ich ihn wieder einsetzm, damit man keine Lücke sehe. Am andern Tage arbeitete ich am zweiten Stein; es ging schon leichter, aber es war sehr heiß und dumpf im Keller; ich war schnell ermüdet, und mußte oft aufhören. Was soll ich Dich lange aufhalten. Die Tage meiner Gefangenschaft mehrten sich, aber auch die gewonnene Oeffnung wurde größer. In dieser Hoffnung ertrug ich die Spöttereien des Dieners, der mir oft genug versalztes