Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 17 (19.4.1847)
- Date
- 1847-04-19
- Page
- Seite 257 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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257 des Hundes Treue gegen einen treuen Menschen? Dort nur der blinde Drang des Naturgesetzes — hier das bewußte Aufgeben seiner selbst für das Wohl dessen, den er verehrt und liebt. Der „lange Bachur" oder der „alte Bachur" oder der „lange David", wie ein und dieselbe Person benamt wurde, war hereingekommen vor alter, alter Zeit — wer weiß noch wann? — und wer weiß woher? — und hatte sich installirt als einen Schüler bei Rabbi Haller, und war seitdem dessen Schüler geblieben, und schien dessen Schüler bleiben zu wollen bis an s Ende. Viele Generationen von Schülern hatte er durch den großen Lehrsaal des R. Haller wandeln sehen; sie hatten sich immer wieder zerstreut in alle Welt als Lehrer, Rabbinen und auch mit Verladung des Gelehrtenstandes als Handelsleute und Kaufleute. Aber der lange David war geblieben. Darum hatte er aber auch einen Ehrensitz, dicht am Katheder des Rabbi, den ihm Niemand streitig machte. Darum verließ er den Rabbi, oder doch des Rabbi Haus, so lang cs Tag war, nie. So wie der Rabbi aus seinem Zimmer trat, folgte ihm der lange David wie der Schatten; wohin jener ging, ging dieser hinterdrein; hatte der Rabbi Mehre in seinem Gefolge, der lange David war darunter; dem Rabbi Stock und Hut zu reichen und abzunehmen, das Sepher auf des Rabbi Pult zu legen, ein anderes, wenn er es bedarf, ihm zu holen rc. das war des langen Davids Ehrenamt. Aber noch Mehres hatte er zu verrichten. Zu mancher Botschaft des Rabbi wurde er verwandt; auch im Hause that er Manches zur Ordnung; des Rabbi beide Kinder hatte er groß getragen, und mit ihnen gespielt, und ihnen schöne Trendetchen geschnitzt oder gegossen und allerhand Spielsachen; und wenn ein Kranker im Hause, war er der Wärter, der unermüdliche Wärter bei Tag und Nacht. Dafür aß und trank er im Hause des Rabbi; durch dessen Verwendung -war ihm ein kleines Stipendiat aus irgend einer wohlthatigen Stiftung zugeflossen, womit er seine ärmliche Zelle bezahlte und das Wenige, welches er sonst bedurfte. Denn was bedurfte der alte Jüngling!? Die Bedürfnisse waren ja damals noch so gering, und die Wohlthatigkeit in Israel so groß — was war leichter, als so einen alten Jüngling zu erhalten. Und er war es nicht unwerth, auch durch seine Gelehrsamkeit. Mancher Rabbi, der auf seinem Stuhle sich spreizte, hätte die Segel streichen müssen vor dem langen David. Rabbi Haller würdigte ihn wohl. Aber er kennte seine Gelehrsamkeit nicht „von sich geben". Nur wie ein Blitz schlug sie bisweilen aus ihm heraus und erhellte die ganze pechschwarze Gegend — aber zu einem klaren, leuchtenden Lichte konnte er sie nicht machen. Dazu fehlte ihm das Zeug, das Wort. Ost hatte er schon dem R. Haller selbst durch einen Wink auf die rechte Fährte gebracht, in irgend einer verworrenen Frage — aber einen Vortrag zu halten, selbst nur mlt einem Schüler einen Abschnitt zusammenhängend durchzunehmen, das vermochte der lange David nicht. Bald murmelte er nur verworrene Worte in den Bart, die immer unverständlicher, immer unhörbarer wurden; endlich sprang er aus, schlug mit der Faust das Buch zu, und rannte davon, indem er ein höhnisches Gelachter, wie über sich selbst, hören ließ. Und Du willst auch wissen, wie er aussieht, unser Held, der lange David, der alte Bachuc? Der Schöpfer nahm bei seiner Geburt einen langen, langen Tannenbaum, und schnitzte daraus einen Menschen; so lang war er, und so schlank, und so dünn, und so unten und oben egal. Nur das die Stange unten doppelt war statt einfach, und an den Schultern zwei lange dürre Aeste eingesteckt hatte, und oben, da sie in einen langen, dürren Hals geendet, einen schiefen Block noch darauf gethan hatte, Kopf genannt. Uno um diesen Körper trug ec einen langen, langen Kaftan, der unten bei jedem Schritte um die dürren Beine peitschte, als ob er sie bestrafen wolle, daß sie die Erde zu betreten wagen, diese Beine, die in lange, dicke Schuhe gesteckt waren, aus denen die Schnallen fehlten. Die Farbe des Kaftans war ziemlich zweifelhaft, denn nur im Schatten schien sie schwarz, beim ersten Strahl der Sonne braun, im vollen Lichtglanz roth. Unten war der Kaftan langst abgestoßen, daß er zu einem Behänge von Franzen geworden, an welchem der Koth der Erde bequem hasten konnte. O, und nun blick in dieses abgemagerte Gesicht, auf dem nur wenig, und schon ergraute Stoppeln die Würde des Mannes verriethen. Längsfurchen zogen sich von den Augenwinkeln über das ganze Antlitz, legten sich um den Mund mit eingekniffenen Lippen, der die Gewohnheit angenommen, immer links nach unten zu zucken. Und das Auge lag so tief in der Höhle, und das graue Auge schien umwölkt, als ob es den Schatz, den es im Innern barg, nicht verrathen wollte. O, der lange David hatte noch Niemandem etwas Böses gethan, noch keinem Kinde, das ihn verhöhnt, noch keiner Fliege, die ihn gestochen; aber Vielen Gutes: jedes alte Weib machte ihn zu ihrem Boten und zu ihrem Schreiber. 17*