Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 16 (12.4.1847)
- Date
- 1847-04-12
- Page
- Seite 245 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225497-3225514--08502-3239318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
245 nach damaliger Stufe der Einsicht hervorgetriebenen Zweige und Früchte welk geworden. Noch mehr fehlt es Anfangs an der Kraft, den innern lebendigen Trieb der tiefen religiösen Wurzel zu erfrischen, daß er das Faulgewordene abstoße und neue Blüten und Früchte erzeuge. Und so wenden sich die sonst Thätigen, im Glauben, Nichts bessern zu können, mit Bekümmerniß, die blos Empfangenden, weil ihnen keine Anregung und keine Nahrung zukömmt, gleichgültig ab. „Was die Zeit thun soll, das soll vielmehr die Vernunft wirken," sagt freilich ein altes rabbinisches Sprüchwort, man sollte nicht unthätig der Zeit überlassen, was durch erhöhte Kraftanstrengung gelingen müßte; allein nur Wenige sind es, die dafür die Einsicht und die Hingebung haben. Dennoch gelingt es den Wenigen, welche sich von einem solchen Scheintode nicht beirren lassen, durch die Mitwirkung der Zeit jene Gleichgültigkeit zu überwältigen, und was man kaum zu hoffen wagte, tritt in schöner Wirklichkeit vor die Seele. So ist es uns ergangen, und der Religionsunterricht der Jugend machte diesen Prozeß mit durch. Der Jndiffercntismus übte an ihm seine Macht mit seiner theilweisen vorübergehenden Berechtigung. Sollen wir — so sprachen viele Eltern — unsere Kinder, die wir unseren Ueberzeugungen gemäß erziehen, denen wir eine der Zeit angemessene, von deren Erkenntniß getränkte Bildung verschaffen wollen, sollen wir ihnen Dinge mittheilen lassen, auf die sie später sicher nicht achten, die sie im Gegentheil gegen die Religion einnehmen müßten? Und sie thaten Recht daran, wenn sie dies unterließen. Allein sie vergaßen, daß der Mensch nur in gemeinschaftlichem Wirken erstarkt, daß seine innersten, edelsten Anlagen und Gesinnungen der Pflege durch ein Gesammtleben bedürfen, daß es nicht genügt, den Menschen zu einem Berufe heranzubilden, sondern daß er auch für den Staat und die Kirche, und durch sie erzogen werden muß; erbedarf des Anschlusses an die Gesammtheit, welche einen jeden Einzelnen nährt und wieder von ihm Nahrung empfängt. Wie aber, wenn das Kind seiner religiösen Gemeinschaft ganz entrückt ist und sich dann später nicht hineinzusinden weiß, eine isolirte Stellung einnimmt? Manche ahnten diesen Nachtheil und bedauerten es, ihm nicht abhelsen zu können, Mehrere erwogen ihn gar nicht und folgten blos ihrer Abneigung. — Einen andern Weg jedoch schlugen Viele ein, welche theils klarer, theils dunkler eine Ahnung von der Verderblichkeit dieser Richtung hatten, welche die Liebe zur religiösen Gemeinschaft noch in sich bewahrten. Unsere Kinder — dahin ging ihre Meinung — sollen das Judenthum nach seinen überkommenen Vorstellungen und Gebräuchen kennen lernen; mögen sie sich später, wenn sie selbstständig geworden, entscheiden, welche Stellung sie zu demselben einnehmen wollen. Sie glaubten hiermit ihrer Pflicht gegen das Judeythum und ihre Kinder genügt zu haben, ohne in deren Freiheit und in die Rechte der Zeit an dieselben einzugreifen. Im Grunde aber offenbarte sich auch in diesem wohlgemeinten Verfahren der Jndifferentismus in höchst trauriger Weise, und die bedauerlichen Folgen konnten nicht ausbleiben. Wenn es den Eltern in keinem Zweige des Wissens gleichgültig ist, wie die Kinder darin unterrichtet werden, wenn sie den Lehrer aufsuchen, der ihnen die richtigsten Begriffe darin beibringt, wenn sie es für ihre Pflicht halten, ihnen die sicherste Anleitung zur Erkenntniß des Bewährten geben zu lassen, nicht aber es ihnen selbst zu überlassen, nach erlangter Mündigkeit durch eignes Urtheil früh eingesogene Jrrthümer zu berichtigen: sollten sie sich bei dem, was den Gehalt des innersten Lebens ausmachen, was thatkräftige Ucberzeugung, nicht ein todtes Wissen, ein kalter Gegenstand des Nachdenkens werden soll, khrer Pflicht überhoben betrachten, wenn sie ihnen Ansichten mittheilen lassen, die sie selbst durch ihr Leben widerlegen? Nur durch solches Verfahren ist der kalte Spott und Hohn in dem jungen Geschlechte gegen das Judenthum entstanden, welcher nur langsam weicht. Dem Judenthume müssen die Kinder erzogen werden, aber wahrlich, sie dürfen nicht das als solches verkünden hören, das sie nicht üben sehen, das sie nicht achten lernen. Die Zeit hat darin erfreuliche Schritte zur Besserung gethan. Das Judenthum sucht zu seiner ursprünglichen Innerlichkeit zurückzukehren, um sich von innen heraus frisch und neu zu gestalten. Können manche Eltern auch noch nicht in diesen raschen Umschwung sich finden, können die Einen die frische Knospe der Hoffnung in sich nicht erstehen - lassen, nachdem sie lange das Leichentuch über die vermeintlich Verstorbene gezogen, können die Anderen nicht so rasch und lebendig sich von dem, was ihnen zwar nicht Ueberzeugung, aber doch alte Gewohnheit ist, lostrennen: ihren Kindern wollen sie das neue Leben 16*