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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-04-05 · Heft 15 (5.4.1847) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 15 (5.4.1847)
Date
1847-04-05
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
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228 liebt, wenn cs die Umstände erlauben, Alles zu besitzen, um ein bequemes Leben zu haben; das Aesthetische in der häuslichen Einrichtung ist ihm aber durchaus unbekannt und fremd; auf die Form giebt er gar Nichts. — — Das zweite im Familienleben ist die Verheiratung der Kinder. Kaum ist ein Kind, — Knabe oder Mädchen ins vierzehnte oder fünfzehnte Jahr getreten, so haben die Schadchanin schon die Köpfe mit Spekulationen voll, wie sie dasselbe verheirathen können. So befremdend dieses frühe Heirathen der Kinder, ehe sie sich noch entwickelt haben, uns Westlichen sein mag, so sehr es selbst gegen die Anordnungen des Talmuds verstößt, die da lauten NO1N^> smtttt Wö® p, oder der Mann suche sich vorest eine Existenz zu gründen, sri'aa!tä)8 so allgemein ist es unter den russischen Juden, die es von den Russen erlernt haben. Wie der Orientale, der sich schneller entwickelt, auch schneller ans Heirathen denkt, so ist es mit dem Russen auch. Das unzivilisi'rte Leben macht ihn sehr frühe reif, und kaum hat er die Jünglingsjahre betreten, so denken seine Eltern an seine Verheirathung. Und der Jude thut nun auch dasselbe. Der Hochzeitstag ist somit weit mehr ein Ehren- und Freudentag der Eltern, als des Brautpaares, das weder die Freude noch die Bedeutung eines solchen Tagcs zu würdigen weiß. Reichere Eltern sehen sich entweder wieder nach reichen Eltern, oder nach Familien um, die durch rabbinischen Jichuß ausgezeichnet sind; ärmere Leute sehen sich nach ihresgleichen um; die Schadchanim arbeiten die Vertragspunkte aus, wie viel Mitgift Braut und Bräutigam erhalten, wie viele Jahre sie bei dem einen und wie viele Jahre sie bei dem andern Schwiegervater den nöthigen Unterhalt erhalten sollen, und wo wahrend dieser Zeit die Mitgift auf Interesse deponirt werden muß. Darauf wird die Hochzeit bestimmt, oft ohne daß Braut und Bräutigam sich gesehen haben, fast immer aber, ohne daß sie um ihre Einwilligung befragt wurden, die sie zu geben auch noch unfähig wären. Bei Reicheren wird die Hochzeit dann im Hause gefeiert, wo die V2' N22A ganz nach alter Weise gehalten werden; bei Aermeren wird das Brautpaar am Donnerstag Nacht unter voraustretender Musik und unter Begleitung von brennenden Lichtern auf den Schulhof geführt, wo oft dreißig bis vierzig Brautpaare in den bedeutenden Städten getraut werden. Der 212 bTtt, den die Eltern erhalten, ist Alles, was sie wünschen, ohne sich zu fragen, haben sie ihre Kinder versorgt oder glücklich gemacht; „ich habe einen feinen Schiduch gethair", das ist der Gipfel der Familienfreude, das befriedigendste Gefühl, dem oft aber traurige, sehr traurige Stunden folgen. Denn wenn das frühe Verheirathen der Kinder auch den Vortheil hat, daß sie den wollüstigen Verführungen der Jugend, den Leiden und Prüfungen der Liebe nicht ausgesetzt sind, die den Menschen um manche Stunde bringen, die er in seiner rüstigen Jugend weit besser, als mit der Romantik des Lebens benutzen könnte; so wiegt dieser Vortheil die Nachtheile doch bei weitem nicht auf. Denn erstens, wenn der junge Mann sein drei- oder vierundzwanzigstes Jahr erreicht hat und in der vollen Lebensblüthe steht, in der er die Lebensgefährtin sich erst wählen könnte, ist seine Gattin schon gealtert; die Liebe, die das Band der Ehe stets fester schlingt, fehlt, da Beide nicht wissen, wie sie zusammen gekommen sind und ganz gewohnheits- und instinktmäßig zusammen gelebt haben; daher sind die Ehescheidungen in Rußland so häufig an der Tagesordnung, und man begegnet wenig Männern, die nicht mehrere Frauen gehabt haben. Unter den Russen selbst ist dieser Uebelstand nicht vorhanden, da die griechische Kirche die Ehescheidung verbietet; unter den Juden hingegen äußern sich die traurigen Folgen hievon sehr mächtig. Ein zweites Uebel, das dies frühe Heirathen hervorbringt, ist folgendes. Die jungen Leute heirathen, ohne einen Erwerbszweig zu verstehen oder erlernt zu haben; die Mitgift kommt entweder in die Hand des Vaters des Bräutigams oder der Braut, oder eines Dritten, um durch die bestimmten Interessen anzuwachsen; und der junge Mann erhalt zuweilen noch einen Melamed, um sich im Talmud auszubilden, anstatt ein Geschäft zu erlernen. Wenn nun die 5 — 6 Jahre um sind, während welchen das junge Ehepaar auf Beköstigung war, so hat es 2 — 3 Kinder und versteht es nicht, sich und dieselben zu ernähren und das vorhandene Kapital zu benutzen, um das es dann größtentheils bei den ersten Versuchen im praktischen Leben sich selbst bringt; oder, wenn es schlechter geht, ist der Mann, bei dem das Kapital deponirt gewesen, während der gedachten sechs Jahre verarmt, und der Anfänger hat zwei oder drei Kinder, und keinen Pfennig zum Beginn. Darin, in diesen frühen, unüberlegten, von der Leidenschaft der Eltern veranstalteten Heirathen liegt ein Hauptgrund für die ungeheure Armuth der russischen Juden; denn die Eltern können weder den Kindern, noch die Kinder den Eltern eine Stütze sein, die Männer von 35 — 40 Jahren haben

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