Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1847)
- Date
- 1847-04-05
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Minsk 1× ep/1000754
- Vilnius 1× ep/1000947
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227 jährlich zwischen tniiD und fiös von Mohitew nach Riga kömmt, um daselbst wichtige Hotzlieferungen abzuschließen; auf der ganzen, mehrere hundert Mites betragenden Route erwarten ihn die Juden in jedem Dorfe, um ihr irari von ihm zu erhalten, und er spendet sicher über 1000 Rub. S. Dieses Nationalitatsgefühl und dieser verachtende Druck von außen her machen es auch, daß der russische Jude sich nur unter den Seinigen geehrt sehen will, und um jede äußere weltliche Ehre Nichts giebt. An der Letztem klebt immer der Verdacht einer Verkäuflichkeit, um dem Proselytenthum Vorschub zu leisten; die Erstere dagegen ist rein, nationell, und getragen von dem Vorgefühl sich erfüllender, göttlicher Verheißungen und Belohnungen. Darum sucht der Jude seine meisten Freuden auch im Familien- und Gemeindeleben. In seinem Hause hat der Jude vorerst, nach echt orientalischer Sitte, seine Freude an Silbergeschirr und an Juwelen. Ein Jeder sucht sich von Silberwaaren so viel, als möglich, anzuschaffen. Das Geld, weiß er, kommt und geht gar schnelle; das Silber hingegen ist seine Sparkasse; wenn die Geschäfte ganz schlecht gehen und er im Sinken begriffen ist, so ist dies sein letztes Rettungsmittel, und es gilt als Zeichen gewissen Verarmens, wenn ein Mann sein Silber verpfändet und veräußert. So wenig der russische Jude auch auf sein anderes Meuble verwendet, so viel giebt er für Silber hin, und der Deutsche der dorthin kommt, wundert sich nur über die angehäuften Massen, die er bei den Reichen und Wohlhabenden vorsindet. Es wird zwar ohne Geschmack und ohne auf die Mannichsaltigkeit Rücksicht zu nehmen angekauft; aber an Löffeln, Messern, Gabeln, Körben, Platten, Pokalen und Schalen findet man oft Massen zusammengekauft. Ein Gleiches gilt von dem Perlenschmuck der Frauen; die sind bei jeder Aussteuer ausdrücklich genannt, und die südlichen Provinzen übertreffen die nördlichen darin bei weitem. Im Norden trugen die Frauen als Kopfbedeckung bisher, d. h. bis die letzten Ukase über die Kleiderveränderungerschienen, den Turban; in Wilna, Grodno, Minsk, Bialystock, Witebsk, Mohilew, Tschernigow sah man keinen andern weiblichen Kopfputz; und der Schmuck der Frauen bestand in Ohr- und Fingerringen, Halsketten, Perlen- und Korallenschnüren, die bei den Vermögenderen oft von nicht unbedeutendem Werthe sind. Im Süden dagegen bildete das Sterntüchel den vorzüglichsten Schmuck. Es ist das eine Art Kopfbinde, die von einem Ohre bis zum andern bei den Aermeren mit Perlen, bei den Reicheren mit werthvolleren Edelsteinen geziert ist. Ich sah viele Sterntüchel, die 4000 bis 5000 Rub. S. werth waren, und begegnete am Sabbat vielen Frauen, deren Kopf- und übriger Schmuck an 7—8000 Rub. S. an Werth betrug. Sobald der Mann an irgend einem Geschäfte gewinnt, so wird der treffende Theil der Gattin durch neue Perlen für das Sterntüchel gegeben. Je geschmückter sonach die Frau ist, desto mehr zeugt es für den Wohlstand des Mannes, desto mehr Freude findet er daran. Auch in der übrigen Kleidung zeichnet sich der Süden durch Geschmack vor dem Norden aus. In Letzterm sind die Kleider der Frauen ohne Taille und wer nicht daran gewöhnt ist, den jammern die schönen Gesi'chtchen in dem sonderbaren Verzüge; im Süden dagegen ist die Tracht schon mehr französsicher Art, und das Sterntüchel ausgenommen, wenig befremdend; in beiden Länderstrichen ist die russische Kasawaiga, ein jackenartiger Ueberwurf, der nur bis über den Leib reicht, den jüdischen Frauen eigenthümlich. Die Tracht der Männer in ihren Kaftanen, Pelz- und Aobelmützen ist bekannt. Es ist merkwürdig, daß der chasidische Rabbi, Salman Schneyersohn, ein Mann, der den unbegränztesten Einfluß ausübte, mit wahrhaft wettklugem Blicke, doch ohne Erfolg, den Juden anrieth, den deutschen Jargon abzulegen und die russische Sprache zur Konvecsationssprache anzunehmen, und den unnöthigen Schmuck und Putz bei Seite zu schaffen. Er gab diesen Rath vor einem halben Jahrhunderte, und die jüngsten Ukase haben seine Voraussicht bestätigt. So viel der Jude nun auch auf diese Artikel verwendet, so wenig thut er für sein anderes Hauswesen, und der Mangel an Ordnung und Reinlichkeit ist allgemein bekannt. So traurig diese Wahrheit auch ist, so sehr sie eine Folge Jahrhunderte langen Druckes und Elendes ist, so ist sie dorten noch weit mehr in dem russischen Elemente begründet. Der Russe und Pole weiß, — die reichen Adeligen ausgenommen, die sich auch erst seit vier bis fünf Jahrzehenden europäisirten, — von Ordnung und Reinlichkeit Nichts; es ist ein Schauder für den Reisenden, z. B. wenn ec in einer Taverne anhalten muß. Selbst beim russischen Kaufmann, der sich das reichste Meuble anschafft, ist Nichts mit Geschmack eingerichtet; und in seinen Prunkzimmern liegen immer Tische und Stühle voll, und Nichts zeugt von Reinlichkeit. Dasselbe ist nun unter den Juden der Fall; es ist ihm nur um das Was, und nicht um das Wie zu thun; er