Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 15 (5.4.1847)
- Date
- 1847-04-05
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22 6 Jecheskel, die ausführliche Einleitung zu diesem Propheten, und die erste Hälfte des Höschen enthalt. Korrespondenz. New-Uork, 28. Februar. Russische Skizzen. II. Allgemeines. (Fortsetzung aus No. 10. 14.) Die Gemüthsanlagen der russischen Juden sind in ihren Hauptzügen folgende. Der russische Jude ist außerordentlich genügsam und zufrieden. Sehen wir hiebei natürlich von den weniger reichen und wohlhabenden Familien ab, und behalten wir die große Menge im Auge, so dankt sie dem lieben Gott, wenn sie nur tagtäglich ihr kärgliches, ärmliches Brod hat. Der Jude hat sich in diese Armuth so sehr hineingelebt, weit er, seitdem die polnischen Provinzen russisch geworden sind, immer neuen Bedrückungen ausgesetzt ist, etwas Besseres weder hoffet noch erwartet, und immer neuen Beschränkungen entgegensieht. Er wünscht und erflehet nur Ruhe und Belaffung in seiner jetzigen Lage, so unglücklich sie auch sein mag; denn er weiß, jede Veränderung wird seinen jetzigen Zustand verschlimmern. Darum ist und hat er sich — wie wir weiter unten bei der Schilderung des Familienlebens sehen werden — auf eine Weise eingeschränkt, von der der ärmste deutsche Trödeljude gar keine Idee hat; und hat ec die winzigen Mittel zur Deckung dieser kleinen Bedürfnisse, so dankt er dem Himmel tausendmal. In seinem Glauben und in seiner religiösen Ueberzeugung da findet er Ersatz für alle Freuden des Erdenlebens. Der Satz des Midrasch: die Armuth stehe dem Israeliten so gut, als rothes Geschirr einem weißen Pferde; die Vorschrift der Alten: n^722 ns fy\ bsan, und ähnliche Aussprüche des Talmuds sind ihm die unwiderleglichen Antworten auf die Fragen nach der Ursache seines Leidens und seiner Noch; und die Verheißungen, die der Talmud ihm für die Messiaszieit giebt, lassen ihn mit der unglaublichsten Selbstverleugnung das gegenwärtig drückende Elend vergessen, mit stoischer Kälte irdische Größe und Ehre verachten und belächeln, und mit ungemeiner Befriedigung den Blick aus die Zukunft heften. Diese psychische Gefühllosigkeit gegen sein Elend und seine Armuth erregen zwar nur noch mehr den Unwillen. Und ich erinnere mich immer in diesen Gedanken mit wehmüthiger Freude eines Gespräches, das ich hierüber mit einem russischen Großen hatte. Ich frug ihn nämlich: „Warum verfolgt die Regierung so systematisch ihre Juden; haben dieselben sich nicht immer als ihre treuesten Unterthanen bewährt, haben sie je an irgend einer Revolution Antheil genommen?^ — „Das nicht," erwiderte der Staatsrath S.; „aber sie thun mehr als dies; wenn Polen gegen uns revoltirt, so schicken wir der Bajonette genug, um der ausgebrochenen Empörung Meister zu werden; der Jude aber ist in seinem Herzen, in seinem Gewissen, in seinen Grundsätzen der kräftigste Widerspruch gegen unsere Ukase; in's Gewissen hinein können wir keine Bajonette senden, wie sollen wir nun des Juden Meister werden?" Aber eben dieser Umstand, der den Russen gegen den Juden reizt, ist des Juden Rettung. Jeder Jude ist ein übt? ^22; und so groß die gegenseitige, nationelle Anhänglichkeit ist, so geht doch ein Jeder seinen Weg, sucht sich und die Seinigen zu retten, wenn er fleht, daß für das Allgemeine Nichts mehr zu thun ist. So lange aber Letzteres noch zu hoffen ist, herrscht eine so allgemeine, stillschweigende Selbstverständigung, die Alles aufbietet, um die jüdische Nationalität zu erhalten; und ein hervorstechender Zug derselben ist die unbegrenzte Wohlthatigkeit. Das Wort des Talmuds: trsam a*nöfi ist da in vollster Kraft. Sobald sich ein Jude nur etwas hebt und seine Vermögensverhältnisse sich günstiger gestalten, so wird er als ein betrachtet, und er setzt seine Ehre und sein Vermögen darein, als ein solcher zu gelten. Er wird da nicht nur von den gewöhnlichen Armen angesprochen, die mit einer kleinen Gabe zu befriedigen sind; sondern er hat eine moralische Verpflichtung auf sich, der Versorger seiner weitverzweigten Familie zu werden. Da kömmt ein armer Onkel gefahren, sieht vier Wochen lang mit freier Kost im Hause, eine Kommis- oder Reisendenstelle abwartend; dann kömmt eine arme Tante, die drei große Töchter und keine Mitgift hat, und der reiche Neffe soll sie aussteuecn; dann ist ein armer Bruder da, der seine Tage im \iW72ii ma zugebracht und zu allen weltlichen Geschäften unfähig ist, der wartet auf eine wöchentliche Unterstützung; dann ist ein herabgekommner Familienvater, der hält um ein Tön an, um sich wieder hinaufzuhelfen — der reiche Vetter hat überall zu geben. Ich kenne den erblichen Ehrenbürger Rappoport, der