Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 14 (29.3.1847)
- Date
- 1847-03-29
- Page
- Seite 214 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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214 ringestehen, daß Rußland, gerecht oder ungerecht, wenigstens klug ist. Wir brauchen diese Schilderung nur festzuhalten, und wir verstehen, was Peter Friedrich dem Großen erwiderte. Er frug nämlich diesen um Rath, wie er den Handel Rußlands heben könne, und Friedrich schlug ihm vor: Juden nach Rußland zu führen. Allein Peter schlug dies mit den Worten aus: „Meine Russen sind pfiffiger und unternehmender, als die Juden." — Die russischen Juden, die unter einer solchen Bevölkerung leben, haben nun auch alle dieselben Eigenschaften. Sie sind klug, gewandt, zu Allem und Jedem tüchtig und fähig; sie sind selbstverleugnend und sich selbst beherrschend im höchsten Grade; pfiffig, ausdauernd, zäh und beharrlich, wie jeder Russe, und erfinderisch in den verschiedensten Mitteln, um zu ihren Zwecken zu gelangen. Ja, sie müssen dies noch mehr wie der Russe sein, weil sie nicht den Schutz des allgemeinen Gesetzes genießen, sondern unter unzähligen Ausnahmsgesetzen stehen. Diese Ausnahmsgesetze, die von oben herab nach einem bestimmten Plane diktirt werden, machen sie in den Augen der Unterthanen, wie der Beamten verächtlich; zeigen den Beamten die Zufriedenheit mit allen gerichtlichen Plackereien, die sie dem Juden anthun; und dieser hat eine gesteigerte Geistesthätigkeit und Eeistesgewandtheit zu entwickeln, um sich durch alle diese marternden Schlingen hindurchzuwinden, und seine Existenz nur zu erhalten. Daher hat der Jude — wie auch der Russe, die überraschendste Geistesgegenwart, und man erzählt sich von derselben die schönsten Anekdoten. Ein Bischof z. B. stand einst mit einem Adeligen in einem Fensterbogen seines Palastes. Vor demselben sah man die Juden geschäftig hin- und hereilen, und das Gespräch lenkte sich auf die Klugheit der Juden. Der Adelige, der dieselbe vertrat, erbot sich, den ersten Juden, der vorüberkäme, heraufzurufen um Sr. Eminenz einen Beweis jüdischer Geistesgegenwart zu geben. ES war zufällig ein ganz roher Fuhrmann. Der Bischof — da die Christen doch alle Juden für geborene Theologen aus dem priesterlichen Volke halten — ließ sich mit dem Fuhrmanns in religiöse Debatten ein, und bot ihm zuletzt fünfhundert Thaler an, wenn er sich taufen wollte. Allein der Fuhrmann erwiderte: Ich und mein Vater und mein Großvater waren Fuhrleute; und Letzterer gab mir die erprobte Lehre, daß ich, wenn ich Pferde tauschen und nicht betrogen sein wollte, immer darauf zahlen müßte. Ew. Eminenz wollen mir bei dem beantragten Religionstausche noch fünfhundert Thaler herausbezahlen; so denke ich, die Meinkge muß besser als die Ihrige sein, und ich schlage somit den Tausch aus. — Ein ander Mal standen zwei Edelleute auf einem Pferdemarkte, und sahen, wie ein Zigeuner und ein jüdischer Wasserfuhrmann Pferde tauschen wollten. Die Ersteren wetteten, der Eine für den Zigeuner, der Andre für den Juden, wer den Andern überliste. Man rief den Juden und frug ihn, warum er sein Pferd vertauschen wolle? Er antwortete: Ich führe Wasser und mein Pferd ist krumm und taugt dazu Nichts; des Zigeuners Pferd ist zwar blind, aber gesund, und ganz zu meiner Arbeit tüchtig; darum möchte ich tauschen. Der Jude trat ab, und der Zigeuner, der gerufen wurde, bemerkte: Der Jude ist ein Narr; sein Pferd hat sich nur etwas in den Fuß getreten; wird das herausgenommen, so geht das Pferd gerade, und ist nicht blind, und der Vortheil im Tausche ist gewiß auf meiner Seite. Schon glaubte man den Fuhrmann verloren; da lächelte ec und sprach: Ich habe den Nagel in des Pferdes Hufe gesteckt, damit man glaube, der Nagel mache es krumm; dem sei aber nicht so, das Pferd sei krumm von Natur. — Ei» ander Mal fuhr Kaiser Nikolai auf der Newa; er bemerkte unter den rudernden Matrosen des Botes einen hübschen Juden, und forderte ihn zur Taufe auf. Der Soldat erwiderte ganz ruhig: Ew. Majestät, Christus hat gesagt, gebet Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist; Sire, ich darf nach Christi Aussprache dem Kaiser nicht gebe», was Gottes ist. Der Kaiser lächelte und sagte: „Fixer Junge." — Zu dieser russisch-volksthümlichen Klugheit kömmt noch die jüdische, von der Rabbi Jehoschua ben Chananja in Traktat Erubin, Perek Kesed Meabrin sagt: asbistt btnu)-1 .üsaap VI DSbrwn Br« B*<BSfi Es hat in Rußland jeder Jude Unterricht, wenigstens einen jüdischen, genossen; es giebt Keinen, der nicht lesen und schreiben kann; und da der Jude mit dem russischen Beamten, dem polnischen Adeligen, dem lithauischen Bauern zu thun, in hebräischer Sprache betet und unterrichtet wird, und seinen eignen gemischten Jargon hat, so spricht er, wenn auch keines richtig, doch russisch, polnisch, lilhauisch, jüdisch-deutsch und versteht hebräisch; und natürlich trägt auch «ine solche polyglottische Sprache zur Entwickelung des Geistes und Schärfung des Gedächtnisses bei. Vorzüglich werden aber Beide durch das talmudische Studium entwickelt. Die logische Schärfe des Pilpuls hat den jüdischen Geist an eine solche Tüchtigkeit gewöhnt, daß das fade Gespräch unserer Salons ihm unaussteh-