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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-03-29 · Heft 14 (29.3.1847) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 14 (29.3.1847)
Date
1847-03-29
Page
Seite 215 (sequence 15)
Language
German
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215 lich ist; er verlangt immer etwas, das den Geist, die Denkkrast in Anspruch nimmt und in Thätigkeit setzt; je mehr selbst im gewöhnlichen Umgänge, im alltäglichen Geschäftsleben entwickelt wird, desto lieber hört der Jude zu; und daher kömmt auch die Abneigung gegen die belletristische Literatur unserer Tage, die nichts Scharfes bietet, und die innige Vorliebe für strenge Wissenschaften, wie die Mathematik. Die berühmten Mathematiker, der verstorbene Stern und sein lebender Schwiegersohn Slonimski in Warschau geben den Beweis hiefür, zu welcher Höhe der Jude, rein autodidaktisch, sich hinaufschwingt. Ich kenne Juristen, rein nach dem Choschen-Mischpot gebildet, die jedem Oberappellationsgerichte als Mitglieder Ehre mache» würden. Ich kenne Hunderte von Talmudisten, die in diesem Riesenwerke so bewandert sind, wie unsere Rabbinen in der Bibel. Unsere jüdische Literatur aus den jüngsten drei Jahrhunderten hat alle ihre Koryphäen von dorten erhalten, und hätten jene Männer eine wissenschaftliche, kosmopolitische Erziehung erhalten, wir würden Tausende von Sternen erster Größe am Horizonte der allgemeinen Wissenschaft zählen — denn ich habe nirgends einen solchen enormen Reichlhum an großen Geistern getroffen. Ich bin es aus eigner Anschauung überzeugt, daß die russischen Juden, wenn sie nicht unter einer Regierung ständen, die sie zur griechischen Kirche hinüberzwingen will, sondern unter einer Regierung lebten, die sie, als Juden, zu tüchtigen Bürgern heranbilden möchte, daß sie, sage ich, in zwanzig Jahren die deutschen, französischen und alle westeuropäischen Juden auf ihrer Bildungsstufe einholen und überflügeln würden. Daß dem russischen Juden europäische Gesittung und Bildung fremd blieb, liegt nicht in dem Mangel an Anlagen hiezu, sondern in den russischen Verhältnissen begründet. Bis zu Alexander hatte Rußland keine Volksschulen; was auf den Unterricht verwendet wurde, geschah nur für den Adel; das Volk lebte nomadisch, asiatisch als Sklave, und der Jude, der unter der polnischen Regierung stand, wurde auch nicht mehr bedacht und beachtet. Es zeugt für die Größe des jüdischen Volkslebens und der jüdischen Institutionen, daß dasselbe aus eigenen Mitteln für den Unterricht und die zahllosen Schulen sorgte, und Millionen von Rubeln jährlich darauf verwendete. Natürlich lebte sich das Volk somit blos in seiner Weise und Anschauung hinein, und jedes Buch, das nicht hebräisch war, galt ihm als Viös jeder Unterricht in den Wissenschaften, als Ketzerei; natürlich wollte es von weltlichen Schulen, so »othwenbig wenigstens die Kenntniß der Landessprache ist, Nichts wissen, weil diese Schulen gegen den Geist der Gewohnheit waren, in die man sich hineingelebt hatte, und die proselytirenden Schritte der Regierung seit 1843 immer die griechische Kirche wittern ließen. Allein der Geist ist im Volke vorhanden; die Denkkrast ist ausgebildet, die Fähigkeiten sind bewährt, und der unparteiische Richter kann kein anderes Urtheil abgeben, als dasjenige, das Graf St...f einst gegen mich äußerte: „Es ist wahr, die Juden sind das auserwählte Volk; wenn auch nicht in dem Sinne, wie Sie, lieber Doktor, es nehmen, doch in dem Sinne, daß es an Geist das begabteste und allen anderen Völkern voran ist." (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen lV«Ngr. (I gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Vakanz. Bei der hiesigen, mit drei Lehrern besetzten israelitischen Elementarschule soll die vakante Stelle eines ersten Lehrers, welche bei freier Wohnung mit einem fixen Einkommen von 200 Thlr. dotirt ist, sofort besetzt werden. Kandidaten des Lehramts, welche die Qualifizirung zu genannter Stelle besitzen, möglichst aber auch Unterricht in den Realwissenschaften zu ertheilen im Stande sind, und einige Kenntnisse in der Musik besitzen, wollen sich baldigst unter Beifügung ihrer Zeugnisse portofrei bei der Unterzeichneten Behörde melden. Fi lehne a. Netze, den 1. Marz 1847. Der Korporations- und Schulvorstand. Hammerstein. Lößer. Goldschmidt. Peritz. Gesuche. C5T* Zu Ostern d. I. wird für die hiesige Gemeinde ein Religionslehrer und Vorbeter, der zugleich das Amt eines Schächters mit übernehmen muß, gesucht, selbiger erhält jährlich 80 Thlr. Pr. Krt., nebst freier Wohnung und Beköstigung, so wie auch den Ertrag des Schächtens, auch ist der Gehalt durch den Unterricht im Deutschen noch bedeutend zu erhöhen. Hierauf Reflektirende haben sich in portofreien Briefen zu melden bei dem Vorstand der israel. Gemeinde zn Neukalben in Mecklenburg-Schwerin.

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