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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-03-29 · Heft 14 (29.3.1847) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 14 (29.3.1847)
Date
1847-03-29
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 Wenn wir nun die Höhe des Gegenstandes und seinen starken Reflex auf die Gegenwart, die Gewandtheit der Szenerie, die Bühnengerechtigkeit, die bis auf Kleinigkeiten richtige Erfassung des Jüdischen, die Kraft und den Geist der Sprache erwägen — warum schieden wir dennoch so unbefriedigt — nicht vom Dichter, sondern vom Gedicht unbefriedigt? Warum fühlen wir uns bis in's Innerste erschüttert, und dennoch nicht gelöset? Wir erkennen die Gewalt des Dichters an, aber nicht seine Siegeskraft. Er hat uns aufgeregt, aber nicht überwältigt, nicht hingerissen. Es fehlt uns Etwas. Und es ist nicht schwer zu begreifen, was uns fehlt. Der Dichter hat mit Macht eine große Dissonanz angeschlagen und durchgeführt — aber die Auflösung, die Harmonie, in welche die Dissonanz sich auflösen muß, mangelt. Gutzkow hat einen glücklichen Griff in seinem Gegenstände, aber einen ungeheuren Mißgriff in der Person des Helden gethan. Wahrend das Stück Träger großer welthistorischer Gedanken ist, ist der Held nur der Träger seiner eignen, schwachen Persönlichkeit. Es ist sein Gedanke, den er ausspricht, seine Liebe, die er vertheidigt, seine Leidenschaft, die ihn bezwingt, seine Erfolglosigkeit, die ihn tödtet. Nicht die Synagoge besiegt ihn, sondern der Wunsch, seiner Mutter die Augen zuzudrücken, und seine Geliebte zu besitzen. Mit dem Ende des ersten Akts schon hat er seine Mission, hat er seinen Gedanken aufgegeben; wir sehen daher hinfort nur den Schwächling vor uns, der nur durch den Kampf gewöhnlicher Leidenschaften uns noch interessirt; wir sehen hinführo nur noch eine Handlung vor uns, die uns durch ihre Schrecken fesselt. Aber der höhere Kampf ist längst aufgegeben. Wir stehen mit dem Ende des ersten Akts am Ende des Ganzen im höhern Sinne. Darum kann auch in die Dissonanz keine höhere Auflösung kommen; der Gedanke und der Talmudismus, die Vernunft und das Positive stehen sich am Ende eben noch so feindlich gegenüber, wie am Anfang. Wir sehen keine Saat, aus der, und sei sie noch so blutig, ein Sieg hervorgehen wird; es verräth sich uns keine Zukunft, in der dieser Kampf zur glorreichen Entscheidung kommen werde; wir werden nicht beruhigt, nicht versöhnt; wir erblicken eine welthistorische Wunde, aber nicht die welthistorische Heilung. Das Stück ist geistreich, aber es nicht genial. Der letzte Stempel des Genius fehlt ihm, der das Verneinende in das Bejahende, den Kampf in den Sieg, den Zwiespalt in den höhern Frieden zu wandeln versteht, und mit der Beseligung schließt, daß die Wahrheit und das Recht siegen. Der sinnige Leser versteht uns hinreichend, daß wir nicht etwa einen andern Schluß wünschen, daß Akosta und Judith leben bleiben sollen, daß das Endwort „die Kirche ftegt I" (Gutzkow eskamotirt überall die „Kirche" für die „Synagoge", die „Priester" für die „Rabbinen" oder „Talmudisten" ein — was sehr störend —) hätte wegbleiben sollen — alles dies konnte und mußte so bleiben, aber der Gang des Stückes, die Persönlichkeit des Helden hätte müssen die siegende Zukunft unzweideutig verkünden — dann wäre jenes Endwort eine geniale Ironie gewesen. Gutzkow muß dieses selbst gefühlt haben; daher bringt er den kleinen Spinoza herein; aber gänzlich verfehlt. Ja, wenn dieses Surrogat der spinozistischen Philosophie im Munde des Knaben auch weniger sonderbar klänge, wäre es verfehlt, denn G. bringt hiermit eine gelehrte statt einer poetischen Verkündigung herein. Das Publikum muß wissen, wer der Spinoza, und zwar der Mann Spinoza gewesen, um diesen Knaben zu verstehen. Auch das setzt uns der verständige Leser nicht entgegen: ist denn dieser selbe Kampf schon jetzt zu Ende? ist die Lösung, ist der Sieg schon jetzt vorhanden? Allerdings, weil der Kampf langst kein persönlicher mehr ist, sondern zu einem allgemeinen geworden; aus einer Person ist eine, die Hälfte der Wett beherrschende Partei geworden. Und wenn dies auch nicht wäre, im Bereiche der Dichtung giebt es keine Zeit, keine Vergangenheit, keine Zukunft, sondern nur Gegenwart. Sie zeigt uns in den Herzen von, seit Jahrtausenden tobten Menschen dieselben Leidenschaften, denen die unsrigen unterworfen sind: so zeigt sie uns auch im Spiegel der Zukunft unsere Hoffnung, unfern Sieg. Werfen wir noch zum Schlüsse einen Blick auf das Judenthum, das der großartige Gegenstand des Drama's ist. Die Dichtung stellt das Judenthum als den abgeschlossenen Talmudismus dar, aus welchem kein Glied herausgerissen werden darf, ohne daß die ganze Kette klirrend zu Boden fällt. Es ist dies das Judenthum der Vergangenheit. Die Vernunft, welche hier als der vernichtende Gegner des Judenthums auftritt, hat längst ihren siegreichen Einzug in das Judenthum genommen, und sich mit ihm so herrlich vermittelt, wie in keiner andern positiven Religion. Die Erfolge dieser Vermahlung sind allerdings noch heute nicht gesichert, nicht fest gestellt, wol aber diese selbst. Es gilt nicht mehr das

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