Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 13 (22.3.1847)
- Date
- 1847-03-22
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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190 von.... Nur zu oft hört man von ziemlich vorurtheilsfreien Christen die entschiedene Meinung äußern: ihren Kindern wäre jeder Unterschied der verschiedenen Glaubensparteien fremd, während gerade diese wohlerzogene israelitische Kinder dermaßen durch tausend Neckereien heimlich quälen, daß die Eltern sich gezwungen sehen, den ihnen sonst willkommnen christlichen Umgang aufzugeben, um das Gefühl ihrer Kinder zu schonen. Ist denn aber dies Resultat nicht eine natürliche Folge der frühem Leitung? Die Kleinen lernen in der Kinderstube den Juden zuerst als Mörder Christi kennen, und sehen dann in ihren Bilderbüchern eine verzerrte, grinsende Figur mit schlotternden Kleidern, die ihnen einen jüdischen Handelsmann wiederum als den Repräsentanten seines Volks vorführt, wie können da andere Gefühle als Haß und Verachtung Raum gewinnen in ihren unverdorbenen Seelen! Hier muß man auch die Jugendlehrer verantwortlich machen, daß sie diesem Unwesen kräftiger entgegentreten und nicht den Juden noch immer als Repräsentanten einer Nation fungiren lassen, während er keine andre Nationalität beansprucht als die deutsche, und kein andres Vaterland kennt als Deutschland. Glaubt man aber den Kindern ein besondrcs Bild für die geben zu müssen, die nicht seine Religions- Verwandten sind, weshalb wählt man nicht die erleuchteten Vertreter ihres Volkes, Moses Mendelssohn oder Spinoza? Gebet den Kleinen das Ideal des Menschen, wenn Ihr sie liebevoll stimmen wollt, führt ihnen aber nicht die Hefe vor, sonst erstickt Ihr selbst den Keim jedes Gerechtigkeitsgefühles bei ihnen.... Ihr aber, die ihr als Familienmütter den schönen, heiligen Beruf habt, Eure Kinder zum Guten und Höhern zu leiten, achtet darauf, daß reine Menschenliebe in ihre Brust ziehe und lehrt sie im Israeliten den Menschen, den Bruder ehren, damit aus den Familien selbst ein besserer Geist hervorgehe, der die sicherste Grundlage einer mildern und gerechtem Anschauungsweise für die Zukunft bietet. Welche schöne Ausgabe wird dieses Streben für diejenigen unter Euch werden, meine Schwestern, die den großen Ruf verstehen, den die Zeit an sie ergehen läßt, denn sie ist es, die zu Euch redet, und ist auch das Werkzeug ein schwaches, dessen sie sich zur Lösung ihrer Aufgabe bedient, so versteht es doch der bessere Geist sich Bahn zu brechen, sei auch die Hülle, die ihn bürgt, eine unscheinbare und geringe." Karlsruhe, 8. März. In unserm gestrigen Tagsblatte geben 36 Personen dem Herrn Moritz Reutlinger, einem Israeliten, ihren innigen Dank zu erkennen, daß er sie bei dem Brande vom 28. v. Mts. vom Flammentod rettete. Detmold, 7. März. (D. A. Z.) Unsere Landstände sind am 1. März entlassen. Unter den abgelehnten Petitionen befindet sich auch eine um Emanzipation der Juden, insonderheit ihre politischen Rechte, Zulassung zu Staatsämtern, zu städtischen und ländlichen Stellen, landständisches Wahlrecht betreffend, und nur insofern hat man sich für die Juden interessirt, daß man eine Synagogenordnung, Verbesserung des Kultus, Eintheilung der Juden in Gemeinden und Zulassung derselben zu Unterstützung aus Armenmitteln der Berücksichtigung empfohlen hat. Hierbei muß übrigens bemerkt werden, daß an manchen Orten des Landes Juden faktisch emanzipirt sind, indem sie nicht nur im Gemeindeverbande leben, sondern auch Bürger geworden, Staats- und Stadtämter erlangt haben, wenngleich den Juden überhaupt die Gesetze nur insofern sie einen Schutz besitzen oder Ackerbau, Handwerk oder eine Wissenschaft betreiben, das Hcimathsrecht und auch nur dieses Zusagen und es der Willkür der Behörden überlassen, ob sie ihnen politische Rechte einräumen wollen. Preußen. Königsberg, 2. März. Von hier schreibt man dem Nürnberger Korrespondenten: „Bei der allgemeinen Aufmerksamkeit des Publikums auf sozialkirchliche Konflikte machte hier ein vorgestern geschehener Vorfall großes Aufsehen. Der Rabbiner vr. Jolowicz aus Köslin hat in seiner Gemeinde eine besondere Trauungsform eingeführt, die sich auf die nöthigsten Zeremonien beschränkt. Er war hierher gekommen, um sich vorgestern mit einer Königsbergerin zu vermählen, und da der hiesige Rabbiner ihm die Trauung nach der neuen Liturgie, auf der Jolowicz bestand, verweigerte, so traute sich Jolowicz selbst. Er hatte hierzu nach den Grundsätzen des Judenthums, das die Ehe als Zivilakt ansieht und nur die Worte des Mannes zur Braut: „Du sollst mir angeheiligt sein", und die Einwilligung der Braut verlangt, das vollkommene Recht, und da auch den Be-