Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 13 (22.3.1847)
- Date
- 1847-03-22
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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189 geistreichsten Männern besprochenen Thema noch eine neue Seite abgcwinnen zu wollen. Und dennoch, scheint es der Schreiberin, hat man bisjetzt versäumt, kräftig genug an ein Gericht zu appelliren, das, wie man wol anzunehmen berechtigt wäre, als höchste Instanz in dieser so hochwichtigen Angelegenheit betrachtet werden dürfte. Das Gericht aber, von dem hier die Rede ist, bestehe aus Müttern, und die Stimmen, denen man den Vorrang bei diesen Gerichtshöfen geben soll, mögen die weichen Klänge der Liebe sein, die mit beredter Zunge zu jedem fühlenden Herzen reden. Die Sprache der Liebe aber ist es eben, die ich für die Unterdrückten gewinnen möchte, und gewiß! sie wird nicht vergebens ihre milden Laute für die gerechte Sache erheben, denn unter ihr ewig siegreiches Banner schaart sich freudig Jung und Alt! „Wenn es jedem denkenden Menschen als eine leider nicht zu bestreitende Thatsache auffällt, daß in den Herzen der meisten Christen ein kaum zu vertilgendes Vorurtheil gegen Israeliten nistet, so wird diese traurige Erscheinung wahrlich den nicht befremden, der mit einiger Aufmerksamkeit ihren Quellen nachspürt; wird er diese nun auch nicht, mit so manchem Schriftsteller in der eingesognen Muttermilch finden; — fern von den Müttern bleibe eine so harte Anklage! — so wird er sie doch in ihnen nahverwandten Räumen zu suchen haben, und diese Räume sind die Kinderstuben, wohin sich überhaupt viel zu selten der prüfende Blick des Denkers wendet. Hier an die Wiege des künftigen Geschlechts sollten die Blicke derer sich sehnsüchtig heften, die auf einen goldnen Freiheitsmorgen hoffen, und eifersüchtig müßten sie die geheiligten Schätze hüten, die entweder zu Trägern ihrer kühnen Gebilde berufen sind, oder dieselben in den Staub treten werden. Jene Räume aber, die geheiligt sein sollten vor jedem unlautern Worte, das die reinen Seelen aus ihrer frommen Unschuld wecken könnte, sind nicht selten dazu verurtheilt, der Tummelplatz niedriger Szenen zu werden, und leider hat wol manches Kind, später durch sein ganzes Leben die Sorglosigkeit zu büßen gehabt, mit der das unbeschriebene Blatt seiner Seele zuerst von ungeschickter, wenn nicht gar frevelhafter Hand entweiht wird. Im günstigsten Falle führt eine regsame Kinderfrau das Regiment in der Kinderstube und diese befriedigt dann die aufkeimende Wißbegierde der Kleinen, die in der Hand einer pflichtvollen und verständigen Mutter zur reichsten Segensquelle werden könnte, durch Erzählungen, die sie gemeiniglich in Ermangelung ergiebigem Stoffes aus ihrer dürftigen Bibelkenntniß und aus den schwachen Umrissen des einzigen ihr gewordenen Unterrichtes, aus dem falsch verstandenen Katechismus, vermischt mit mündlichen Traditionen, entlehnt. Darf es uns dann noch wundern, wenn Kinder, die kaum lallen können, den Namen Juden verabscheuen wie einen bösen Dämon? Hat ihnen ja die Amme erzählt, wie die garstigen Juden den lieben Herrn Jesus an's Kreuz geschlagen, dessen milde Gestalt sanft und leidensvoll aus jeder Fibel sich an das weiche Herz des Kindes schmiegt!.... — Nun aber frage ich Euch, Ihr Mütter, die Ihr zu treuen Wächterinnen des kommenden Geschlechtes berufen seid, was geschieht von Euch, um dieser ersten, leider nie versiegenden Quelle des ungerechtesten Menschenhasscs vorzubeugen? Klärt Ihr etwa die Begriffe der Kleinen darüber auf, daß eine Thal, die vor achtzehnhundcrt Jahren verübt ward, auf die heutigen Juden durchaus keinen Bezug mehr haben könne, und dämpft Ihr sorgsam den aufglimmenden Funken des zuerst sich offenbarenden Vorurtheiles durch ernste, feste Maßregeln gegen die Ausbreitung dieses Giftes, das üppig wuchert und sich fester um die jungen Seelen rankt, als cs die meisten Mütter ahnen. O meine Schwestern, bringt den Kindern die kräftige Gestalt Hußens an die Seele und zeigt ihnen an seinem Bilde, wie dieselbe Glaubenswuth ganz dieselben Erscheinungen zu allen Zeiten heraufgeführt hat! Wie werden sie dann, durch Euch belehrt, noch die Juden hassen können, einer Thal willen, die in viel aufgeklärteren Jahrhunderten ganz eben so von Christen verübt ward? Sie werden vielmehr erkennen, daß die Grausamkeit immer verabscheuungswürdig ist, daß man aber eben so wenig die heutigen Christen für ihr damaliges Konzilium verantwortlich machen könne, wie die heutigen Juden für ihre damaligen Pharisäer. Müsset Ihr nicht vor Euren Kindern erröthen, meine Schwestern, wenn Ihr erfahrt, daß Eure achtjährigen Kinder oft schon zu Peinigern ihrer israelitischen Schulkameraden werden, und solltet Ihr es glauben, daß solche Buben zarte Kinder auf der Straße nach Namen und Religion fragen, und wenn ihnen von den unbefangenen Kindern freimüthig geantwortet wird: wir sind Juden, so laufen sie, von blindem Haß gestachelt, mit niedrigen Geberden da-