Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 12 (15.3.1847)
- Date
- 1847-03-15
- Page
- Seite 181 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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181 Leben zwingt sie uns eigenmächtig ab. Wenn sich daher der Fortschritt auch auf jenem Gebiet des reinäußerlichen im Zudenthume bewegt, so müssen mir auch ihn freudig begrüßen, weil wir schon die Gelegenheit zu bemerken hatten, daß oft die unbedeutendste Umgestaltung eines an sich ganz unwesentlichen Gebrauchs die schwierigsten Hemmnisse fand. Es sind diesmal zwei Reformen, die von Geiger in dem Gottesdienste vorgenommen wurden, und die von der Gemeinde eine willige Entgegennahme erhielten. Die eine hat die sogenannte «nba Nbsn abgeschafft, die andere die deutsche Uebertragung der Megilla cingesührt. Wir misten Geiger für die Letztere unfern besondern Dank. Das Purimfest hat eine zu wichtige Bedeutung in der jüdischen Geschichte, als daß die Erinnerung an es nicht', durch eine Alle» verständliche Sprache, neues Leben und frische Theilnahme für unsere Religion in den Gcmüthern erwecken sollte. Der hebräische Vortrag hat nun einmal diese Wirkung nicht mehr; das Wort, das unverstanden an das Ohr schlägt, erzeugt auf die Lange eine Langeweile, die sich trotz allem Widerstreben, nns andrängt. Bei der Megilla, die von der synagoga magna auf Geheiß der Ester aus den medo-persischen Chroniken in's Hebräische übertragen sein soll, fällt gewiß die Skrupel weg, die bei sonstiger Uebersetzung des hebräischen Textes in den Gotteshäusern noch so vielfach thätig ist *). Oesterreich. Prag, 28. Februar. (Privatmitth.) Ein trauriges Ereigniß hat in unsrer Gemeinde sich zugetragen, I das obwol individuellen Charakters, dennoch durch die damit verbundenen Umstände eine allgemeinere Aufmerksamkeit beansprucht, und daher auch der Oeffentlichkeit nicht entzogen werden kann. Es hat sich nam- *) Man vergesse bei all diesen Reformen nicht, daß sie fast Alle bereits über ein Viertel Jahrhundert praktisch und faktisch im Hamburg. Tempel vorhanden sind. Die Uebertragung der Megilla versuchte man in den ersten Jahren zu Hamburg ebenfalls; man mußte aber im dritten Jahre wieder zur Ursprache greifen, weil die deutsche Rezitation des bekanntlich reizlosen Buches das zweite, dritte Mal die größte Langeweile verursachte, und nur der Nimbus des Altcrthums ihm die Aufmerksamkeit erhalten kann. Man wäre dann genöthigt, die Sache zu kürzen, zusammenzuziehen, zu verschneiden — bis Nichts davon übrig bleibt. Redakt. lich hier am 22. d. der höchst seltene Fall zugetragen, daß ein jüdischer Studirender einen vorsätzlichen Mord, und zwar an einer 74jährigen Jüdin begangen. Doch solche Gewißheit man auch über die Person des Mörders hat, dennoch hat es unsrer Kriminalbehörde bisher noch nicht gelingen wollen, desselben habhaft zu werden. Im Aerger über die Fruchtlosigkeit ihrer Maßregeln, theilte sie mit dem Pöbel den Wahn, daß er nicht entwichen, sondern daß ihn die Juden in Prag aus übertriebener Schonung bei sich verborgen hätten. Wäre der Mord an einem Christen verübt worden, so hätte dieser thörichte Verdacht bei dem ohnehin nach jeder Gelegenheit, ihrem Judenhasse die Zügel schießen zu lassen, lechzenden Volke, allerdings zu tragischen Resultaten führen können. Aber da es nun blos eine zatracona zidowka (verfluchte Jüdin) ist, die als Opfer gefallen, so schmerzt die Meisten nur der Gedanke, daß man blos Eine von den Juden umgebracht, wo durch die Jnhaftirung des Thäters man ihrer Zwei hätte loswerden können. Insoweit haben wir die Ansichten geschildert, die diese Unthat von außen gegen uns hervorgerufen, und die wir als etwas dort Natürliches und Gewöhnliches schon ruhig hinnehmen müssen. Um so rügenswerther ist es aber, wenn man auch inmitten der Gemeinde selbst so den Kopf verliert, daß man statt solche Verdächtigungen mit aller der der sich bewußten Unschuld würdigen Verachtung und Entrüstung von sich zu weisen, sie durch die verkehrtesten Maßnahmen abzuwälzen sucht. Eine solche unbegreifliche Taktlosigkeit aber hat sich unser fa zu Schulden kommen lassen, als es Samstags in allen Synagogen eine Belehrung und Ermahnung publiziren ließ, des Inhalts: daß die Verheimlichung und Entziehung des Mörders den Händen der strafenden Gerechtigkeit keine gottgefällige That, sondern im Gegentheil eine schwere Sünde sei. Himmel! Sehen denn diese Männer gar nicht ein, wie sie mit dieser Ansprache die ganze Gemeinde auf's Empfindlichste kränken und beschimpfen? Sehen sie, die Repräsentanten unsres Glaubens, nicht ein, daß auch dieser dadurch besudelt und geschändet wird? Sehen sie nicht ein, daß sie damit jenen abscheulichen Argwohn, anstatt ihn zu bannen, erst kräftigen, indem sie selbst dadurch eine solche Gesinnung und eine solche That bei ihrer Gemeinde vorauszusetzen scheinen, daß es erst darüber einer Zurechtweisung bedarf? Als es sich darum handelte, das zu Mißverständ- 12*