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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-03-15 · Heft 12 (15.3.1847) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 12 (15.3.1847)
Date
1847-03-15
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 bewältigen wollen, da sie für es keine Wesenheit hatten, indem ihm nur das Jenseitige die religiöse Wesenheit war. Daher haben schon die ersten Lehrer des Christenthums die bürgerliche Gesellschaft für ganz außer Betracht des Christenthums erklärt *), und das Christenthum an sich kennet weder eine Gestaltung des Rechts nach Prinzipien der Religion, noch selbst der Barmherzigkeit in bestimmten Werken und Institutionen. Allerdings'war dies auch durch die geschichtlichen Verhältnisse bedingt, unter welchen das Christenthum in die Welt trat, und stimmte mit seiner ganzen Bestimmung überein; aber es war demungeachtet auch der Charakter des Christenthums, und dadurch jener Bruch der Idee und des Lebens, der Lehre und der Wirklichkeit herbekgeführt, welcher die Welt noch jetzt beherrscht, und die Religion nicht zu einer Wahrheit werden laßt. Jenen Standpunkt des Mosaismus hielt auch das Judenthum in seinen geschichtlichen Phasen fest, und suchte ihn, so weit die Verhältnisse es gestatteten, nicht aufzugeben. Hatte daher der Mosaismus nothwendiger Weise seine Prinzipien und sein Wesen in das israelitische Volksgesetz hinein individualisi'rt: so faßte der Talmudismus dieses mosaische Volksgesetz, weil das Volk nicht mehr existirte, als ein Gesetz für das Individuum, wandelte es in ein solches Jndividuumsgesetz um, und spann es als solches aus. Was auch die geistig-nachtheiligen Folgen dieser Umwandlung gewesen sein mögen, das wesentliche Element des Mosaismus war dadurch gerettet: die Religion nicht zu einer Allgemeinheit ohne Wirklichkeit zu machen, und sie ohne Einfluß auf das wirkliche Leben zu lassen. Unterwarf auch die Geschichte den Juden nach und nach dem ganzen politischen und bürgerlichen Leben der Völker: so verblieb ihm doch noch sein individuelles Leben, welches seiner Religion einen wirklichen Boden verlieh. Aber der Talmudismus war bei jener Umwandelung des mosaischen Volksgesetzes in das Jndividuumsgesetz eben nur dem Triebe der Entwickelung gefolgt; er hatte nicht den Geist der mosaischen Institutionen befragt, und sich die Frage gestellt, wie ist dieser — nach dem Aufhören des Volksbestandes — im Leben des Individuums zu verwirklichen, sondern nur den Buchstaben des mosaischen Gesetzes und die vorhandene Volkssitte. Zwar waren die Strömungen des mosaischen Geistes so mächtig, daß sie trotzdem alle jüdischen Institute, insbesondere das Gemeindeleben beherrschten, und B. dem Feudalstaate mit seinen Gliederungen und Korporationen keinen Einfluß gestatteten auf das jüdische Gemeinde- und Gemeinleben, ebenso wie der israelitische Staat trotz dem eingebrochenen Heidenthum durch den Geist des Mosaismus vor allem heidnischen Kastenwesen und Geschlechterherrschaft bewahrt geblieben. Aber der Tatmudismus hatte die Idee und die individuelle Geistesfteiheit durch sein ausgesponnenes Jndividuumsgesetz zu sehr in die engsten Grenzen gebannt, zu sehr gefesselt, daß er zuletzt in bloßes Formwesen ausarten mußte. Jetzt nun, wo diese Grenzen gelöst, diese Fessel gebrochen sind — jetzt, wo die Idee und die individuelle Geistesfreiheit auch im Judenthume eine neue Auferstehung feiern —- jetzt ist die Gefahr vorhanden, daß das Grundelement des Mosaismus sich auflöse, und das Judenthum derselben Trennung der Idee und des Lebens, derselben Allgemeinheit ohne wirklichen Boden verfalle, welche die Religion zu einigen Lehrsätzen, die in einen Katechismus verzeichnet sind, verflüchtigt, d. h. zu einem Phantasiegebilde ohne Wirklichkeit, zu einer Nebelgestalt ohne Körper, zu einer Sonne ohne Erde, leuchtend ohne das davon beleuchtete Leben des Menschen. Was Wunder, daß daher die Jugend kein wesentliches Band für die Religion im innersten Herzen angeknüpst findet, und daß der Pantheismus kn den Reihen der jüdischen Jugend die zahlreichsten Anhänger findet! Wäre es dem Talmudismus gegeben gewesen, seine Aufgabe von einem höhern Standpunkte zu fassen, oder sich außer seiner zeitlichen Aufgabe — das Judenthum als Träger der religiösen Idee in ihrer Integrität durch das Mittelalter hindurch zu erhalten — noch die höhere zu stellen, die Einheit des Lebens und der Idee im Individuum auch ohne national-politischen Boden und ohne Formgesetz zu sichern: dann würden wir der großen Krise enthoben sein, in die das gegenwärtige Judenthum gerathen ist. Aber soll denn der Großvater arbeiten, damit der Enkel NUv ruhen könne? Also die große Klippe, die das Judenthum gegenwärtig zu umschiffen hat, ist die: sein Grundelement, die Einheit der Idee und des Lebens, nicht verflüchtigen zu lassen, nicht aufzugeben bei dem Durchbruch der Idee durch das talmudische Lebensgesetz. Seine Aufgabe: der Einheit der Idee und des Lebens auch ohne nationa- *) Z. B. Paulus Brief an die Römer K. 13.

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