Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 11 (8.3.1847)
- Date
- 1847-03-08
- Page
- Seite 170 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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170 rang ec die Hände, und die Verzweiflung durchfuhr seine Seele und seinen Leib. „Wie so wißt Ihr das?" frug Baruch bewegt. „Vom Gefangenwärter selbst. Ec ist ein Kunde von meiner Frau, die ihm Tücher und Leinwand selbst in's Haus bringt. Und als er gehandelt gestern um ein schönes Tuch für seine Frau und den Preis zu hoch fand, ob er gern auch das Tuch hatte haben mögen, hat ihm leise meine Frau gesagt: Ihr könnt es haben um den halben Preis, wenn Ihr mir sagt, wie es steht um unfern großen Rabbi, um den wir Alle trauern und besorgt sind. Hat er geschüttelt mit dem Kopfe. Hat sie gesagt: Ihr könnt das schöne Tuch haben noch wohlfeiler, Ihr könnt es haben, das große, schöne Tuch um gar Nichts, wenn Ihr mir es sagt auf Treu und Gewiflen. Hat er immer noch geschüttelt mit dem Kopf. Aber als sie an der Thür gewesen, hat er sie zurückgerufen, und sich das Tuch noch einmal zeigen lasten, und dann leise ihr in's Ohr gesagt: Ec sitzt in der rothen Kammer seit drei Tagen; aber er ist sehr ruhig, und schreit nicht wie die Anderen, die dahin kommen, sondern sitzt ganz still, und sieht so fromm und so unschuldig aus, und erwidert den Gruß immer so freundlich und mild, wie er in seinem Leben noch keinen Gefangnen gesehen in der rothen Kammer. Darauf hat er das Tuch genommen, und meine Frau ist heim gegangen, und hat's mir verzählt." Thranen lösten sich aus den Augen unsres Jünglings; er lehnte sich still in den Stuhl zurück, und nur seine Lippen bewegten sich. Nach einer Pause frug Baruch wieder: „Und ist weiter gar Nichts rausgekommen? Ich seh' es Euch an, Reb Hirsch, Ihr wißt noch Etwas." Der Angeredete war ein hoher, magrer Mann, der die Hände auf die Knieen gelegt, und den Oberkörper immerfort von rechts nach links, und von links nach rechts schwenkte, wie ein umgekehrter Pendel. Seine großen schwarzen Augen standen dabei weit auf, daß ihnen Nichts entgehe in dem Halbkreise, den sie durch das Schaukeln fortwährend beschrieben. „Ich Hab' Euch Großes zu sagen, was man nicht gern sagt, und noch viel weniger gern hören läßt. Darum, Reb Baruch, seht erst noch einmal zu, ob auch alle Thüren und Läden gut verwahrt sind, denn wir leben in einer schlechten, boshaften Zeit...." Baruch gehorchte dem Willen des Redners; unterdeß lag eine spannende Erwartung auf den Anwesenden, und Aller Blicke waren auf den schaukelnden Mann gerichtet, der sich nicht stören ließ, und die Augenbrauen bis fast an die Grenze des Haupthaars hinaufgezogen hatte. //Ihr könnt' sprechen," sagte der zurückgekehrte Baruch. Reb Hirsch hob die linke Hand von dem Knie an das Kinn, und hob mit tiefer Stimme an. ,/Jhr wißt, ich bin ein halber Advokat, und sind mein Bischen Brod, daß ich den Leuten ihre schlechten Forderungen abkaufe, und sie zu Gelde zu machen suche auf gerechtem Weg ducch's Gericht. Daher bin ich bekannt mit allen Gerichtsleuten, aber nicht blos mit den Boten und mit den Richtern, sondern noch mehr mit den Schreibern, denn die wissen oft mehr als die Richter, und thun mehr. Nun, was soll ich Euch lange verzählen, wie und mit wem ich es angesangen — das nutzt Euch Nichts, und könnt' mir schaden — ich Hab' gesehen in die geheimen Akten, und Hab' gehört und erfahren mehr, als uns lieb sein kann. Es hat freilich gekostet ein groß Stück Geld, über 30 Dukaten — aber Ihr habt Euch versprochen, Alles zu ersehen gemeinschaftlich, was wir brauchen könnten...." „Und wenn ich meine Jomtofmütze verkaufen, und meine Perlen versetzen sollte..." schrie die Frau Baruch dazwischen. „Nu, ich geb' selbst meinen Theil dazu," fuhr Reb Hirsch fort. „Still doch, weiter...." „Gesehen Hab' ich die Anzeige, die die Mosrim (Denunzianten) gemacht über den Rabbi, es ist ein großes Stück aus einem Buch des Rabbi in's Deutsche übersetzt, aber gelesen Hab' ich es nicht, denn es ist zu lang, und ist meine Sache nicht; aber gesehen Hab' ich die Unterschriften, mit der sie das Zeugniß versichern, und die sind gewesen — der Dajan Jsak und der Parneß Mendel-" Ausfuhren sammtliche Zuhörer, wie von einem Blitzschlag getroffen. „So ist es wahr! So sind sie es doch, die wir vermuthet!" Solche Ausrufungen liefen durcheinander mit Schimpf- und Fluchworten. Endlich, nachdem man sich Etwas beruhigt, Hub Baruch an; „Wir haben, meine Lieben, da gar nichts Neues gehört, sondern nur bestätigt vernommen, was wir geahnt. Der Dajan Jsak, der von Neid erfüllt ist über den Ruhm unsres großen Rabbi, dessen Tosphos zur Mischna unsere Kindeskinder überleben werden, und von Haß, weit er vor dreißig Jahren den Stuhl unsres