Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 11 (8.3.1847)
- Date
- 1847-03-08
- Page
- Seite 169 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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169 „Gott sei Dank! so wird die Unschuld zu Tage kommen. .. „Ja, das f)at aber manchmal gewaltig lange Zeit, und unser großer Rabbi hat nicht lange Zeit, wenn ec nicht soll verkommen im Gefängnis," warf die Frau dazwischen. Joseph seufzte tief. „Da haben wir uns denn Etliche zusammengethan in aller Stille," fuhr der alte Baruch fort, „um hinter all das zu kommen, und zu wissen, woran wir sind, und herauszubringen, was wir Lhun können. Wir überlegten wohl, von einem Juden muß die Denunziation ausgegangen sein, weil doch Etwas von den Worten des Rabbi angegeben sein muß, und worin auch die Wortverdrehung bestehe, sie muß doch immer geschickt genug geschehen sein, um einen scheinbaren Anhalt zu geben. Aber, fanden wir, es muß doch noch ein andrer Zweck dabei vorhanden sein. Denn würd' es sich lediglich um einige Worte des Rabbi gegen das Christenthum handeln, so hätt' man denselben vorgeladen, ihn zur Rechenschaft 'gezogen, sich verantworten lassen, und danach geurtheilt. Mein Gott, ein Mann, wie der Rabbi Haller, laust doch nicht gleich über Nacht davon. Aber ihn zu überfallen, sein Haus mit Soldaten und Polizisten zu umgeben, von diesen bei heller lichtem Tage abhoten zu lassen, ihn sofort in's tiefste Gefangniß zu werfen, von aller Welt abzuschneiden — das muß noch einen ganz andern Zweck haben; da soll die ganze Welt wissen, daß was Großes vorgegangen, oder vielmehr man will verbreiten, daß was Großes Vorgehen soll, was man im Voraus in Absicht hat; das Volk soll glauben, Wunder was die Juden gethan haben, ihr Rabbiner an der Spitze, der Pöbel soll aufgeregt und schwürig werden .... kurzum, nicht die Worte des Rabbi allein, nicht der Rabbi selbst allein, sondern noch was Anderes muß dahinterstecken.... Das haben wir uns bedacht, denn Du weißt, wir Juden sehen immer durch die Decke, weil wir immer Etwas gegen uns unter der Decke vermuthen müssen... „Und was habt Ihr gethan?../' „Wir haben vorerst uns verabredet, alles Mögliche anzuwenden, um erst zu wissen, was es ist. Denn wenn man erst weiß, was es ist, findet man auch leicht, was dagegen zu thun. Und just heut Abend, haben wir uns verabredet wieder zusammenzukommen in dieser meiner Stube, um uns mitzutheilm, was wir erfahren. Ich wundre mich, daß noch Keiner gekommen. Raum' ab, Jette, sie werden bald hier sein... ." Und siehe da, es pochte an die Hausthüre; Baruch öffnete, und zwei Männer, denen bald mehre folgten, traten ein; auch durch die Hinterthüre kamen Etliche, und es mochten bald zehn zusammen sein, die mit Staunen den Joseph bewillkommten, und ihn frugen, ob schon das große Chiddusch (Neuigkeit) nach Metz gekommen, und er deshalb zurückgekehrt, was freilich durch die Kürze der Zeit und die Langsamkeit des damaligen Reifens sich schier unmöglich erwies. Baruch mußte manchen Bücherhaufen bei Seite schieben, manch Kleidungsstück und Geräth in die Kammer tragen, um Raum für seinen Besuch zu erhalten; endlich saßen sie um den Tisch herum, und die Besprechung konnte beginnen. Wie schlug unserm Joseph das Herz in banger Erwartung — ach, konnte es doch kaum Heit sein, das er zu erfahren habe, sondern vielmehr Einsicht erhalten in eine tiefere Verstrickung, in welche sein milder, ehrwürdiger Vater gerathen. „Nun, wie steht's?" hob Baruch, der Aelteste im Kreise, an. „Habt Ihr was herausgebracht, über den Prozeß unsres Rabbi?" Einige wiegten den Kopf; Alle machten ein tief ernstes, nachdenkliches Gesicht; Alle schwiegen. „Reb Mausche," sprach Baruch wieder, „Ihr seid doch sehr angesehen bei Groß und Klein, was wißt Ihr?" „Ich Hab' erfahren," begann endlich der kleine, dicke Mann, der trotz seiner Leibesbeschaffenheit eine ungewöhnliche Beweglichkeit zeigte, und auf seinem hohen Stuhle in Einem fort bald in die Höhe, bald hinuntecrutschte, „ich Hab' erfahren, wo der Rabbi sitzt — in der rothen Kammer...." „Daß sich Gott erbarm'!" sprach der ganze Chor. „Um Gott, was ist das die rothe Kammer?" rief Joseph aus. „Die rothe Kammer," sprach der kleine, dicke Mann, „die rothe Kammer, da sitzen die Verbrecher darin, die auf den Tod angeklagt sind, bei Wasser und Brod, und sehen das Licht der Sonne nicht, und athmen die Luft des Himmels nicht, und dürfen Keinen sehen, und dürfen Keinen hören...." „O, mein Vater, mein Vater!..." schrie Joseph auf, und das Haupt siel ihm in die Hände, und dann