Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 9 (22.2.1847)
- Date
- 1847-02-22
- Page
- Seite 134 (sequence 10)
- Language
- German
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184 politische Emanzipation der Bekenner des Judenthums oder gar seiner Mitglieder insbesondere zu wirken". Auch kein Verein soll die Genossenschaft sein, „der aus blinder Nachahmung derjenigen Bewegungen hervorgegangen ist, die sich kurz vor ihrem Zusammentritt in den verschiedenen Konfessionen des Christenthums gezeigt haben. Sie wurzelt mit ihrem ganzen Dasein lediglich in dem Boden des Judenthums". Auch will die Genossenschaft sich nicht die Ausgabe gestellt haben, „die Interessen des Lebens, im Widerspruche mit den Interessen und Ansprüchen der Religion, zu vertreten". Die Genossenschaft ist ferner kein Verein „für Bekämpfung der Orthodoxie, sondern des Jndlfferentismus", sie ist auch kein Verein „zur Bildung einer neuen jüdischen Sekte". Ihre Wirksamkeit ist auf das Judenthum selbst, „als auf ein untheilbares Ganzes", gerichtet. Sie ist „kein Verein zur Begründung eines verbesserten und zeitgemäßen Gottesdienstes unter den Juden. Die Fürsorge für den öffentlichen Gottesdienst ist vielmehr nur ein Zweig der Wirksamkeit". Endlich ist die Genossenschaft auch „am Allerwenigsten ein Lokalverein der berliner Reformsreunde". So wüßten wir denn nun, was die Reform nicht ist, wir möchten beinahe sagen, wir wissen nun, daß sie Nichts ist. Die Schwächlichkeit und Aengstlichkeit des Programms tritt grell in die Augen, gerade in ihm scheint sich die Ausschließlichkeit des Judenthums deutlicher zu charakterisiren als in dem ganzen alten talmudischen Judenthume, welches vor einem so ängstlichen Rationalismus, vor einem solchen politischen Zittern und Zagen in der Macht des Historischen und des Traditionellen ein ganz bedeutendes Element voraus hat. Die Reform proklamirt sich als Kampf gegen den Jndifferentismus, und wir sehen in ihr gerade das traurigste Symptom des Jndifferentismus, denn sie versichert uns durch ihr Programm fast in jeder Zeile, daß sie indifferent sei gegen den Menschen, indifferent gegen die Politik, indifferent gegen die allgemein menschliche Wechselverbindung und Einheit aller Religionen, daß sie nur „ausschließlich aus das Judenthum gerichtet" sei. Also ein rationalistisch geputzter Konservator für ein ausschließliches Judenthum, ein würdiges Streben! Und dazu für ein Judenthum, welches quancl meine jüdisch bleiben will und immer ausschließlich jüdisch, während es gerade die historische, traditionelle Macht des Judenthums verleugnet. Wer über das Prinzip dieser Judenreform noch nicht klar geworden ist, der muß es nun sein, ein allgemeines Interesse kann dieselbe nicht mehr in Anspruch nehmen, denn was kümmert den Menschen, den Bürger, den Christen das Bischen Lärm und Bewegung in einem ausschließlichen Judenthume, welches längst aufgehört hat, ein Faktor in der menschlichen Entwickelung zu sein? Der Jndifferentismus gegen eine solche Reform, von welcher Seite er auch kommen möge, ist ein Recht, ist eine Nothwendigkeit, die Reform hat durch ihr Programm die Akten über sich vollständig geschlossen." Oesterreich. Pesth, 29. Januar. (Privatmitth.) Von dem Arbeitshause, über welches ich in meinem letzten Briefe ausführlicher berichtete, schreibt der „Ungar" vom 26.: Auf Anregung des hiesigen Jsraelitenvorstandes eröffneten einige wohlthätige Männer eine Anstalt für freiwillige Arbeiter israeltischer Konfession, unter einem sachverständigen Werkführer. Sobald die Einrichtung bekannt wurde, kamen nach und nach Individuen jedes Geschlechts und Alters, welche für Arbeit eine warme Stube und Geld zur Stillung des Hungers suchten. Seit wenigen Tagen arbeiten daselbst bereits hundert Individuen und Hunderte mußten wegen Mangel an Raum abgewiesen werden. Das wäre wol ein thatsächlicher Beweis gegen die Beschuldigung der Arbeitsscheu bei den Israeliten. Jene menschenfreundlichen Männer sind daher entschlossen, diese bisher nur als Experiment eröffnete Anstalt fortbestehen zu lassen und zu erweitern. Sie soll zu dem Behuf unter den Schutz mildherziger israelitischer Frauen gestellt werden, welche sich bereit erklärt, Wochengelder zu diesem Zwecke zu geben und in befreundeten Kreisen Sammlungen zu veranstalten. Gewiß wird diese wahrhaft wohlthätige Anstalt Bestand haben, da sie ihr Protektorat in edlen Frauenherzen gefunden. Die Gründer beabsichtigen, einen spekulativen Unternehmer zu suchen, der irgend ein ordinäres Fabrikat mit diesen „Freiwilligen" auf seine Rechnung erzeugen möchte und demselben eine angemessene Geldprämie zu bewilligen. Gewiß ist eine Anstalt, die nicht blos zeitweilig den Hunger stillt, sondern zugleich eine Pflanzschule begründet, worin aus verwahrlosten Bettlern fleißige, geschickte und wohleingeschulte Arbeiter erzogen werden, die später in jedem Etablisse-