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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-02-22 · Heft 9 (22.2.1847) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 9 (22.2.1847)
Date
1847-02-22
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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127 ten die Propheten vor Allem wieder die mosaische Idee in das Volk zu bringen suchen, um dann das Leben sich danach gestatten zu lassen. Das Leben hatte selbst mit der Idee gebrochen, die Propheten konnten innerhalb dieses Bruches nur die Idee zu retten, zu beleben und in das Herz des Volkes zu senken streben. Die mußten also nur die mosaische Idee aufgreifen, entwickeln und zur Herrschaft zu bringen suchen. Hierdurch aber geschah es hinwiederum von selbst, daß die Idee sich immer mehr verallgemeinerte und dem Leben, als für sich bestehend, gegenübertrat. Wahrend demnach im Mosaismus die Idee und das Leben als vollkommen Einheit gewesen waren: trat jetzt dieJdee für sich allein, vom Leben gespalten auf*). Diese Trennung der Idee und des Lebens war allerdings an sich unmosaisch, sie war auch an sich ein großer Schaden, denn nur die Vereinigung der Idee und des Lebens ist die religiöse Wahrheit; sie war aber durch den Lauf der Entwickelung bedingt, und sie war um so nothwendiger, weil auf diesem Wege allein die religiöse Idee sich den Uebergang in die gesammte Menschenwelt möglich machen konnte. Nur die Idee allein konnte die Menschheit überwinden; und muß im Laufe der Entwickelung, wenn sie erst die Menschheit ganz durchdrungen haben wird, dennoch wieder zum Leben kommen, das Leben bewältigen und gestalten. Daher werden wir jene Trennung der Idee und des Lebens im Christenthume vollendet, die Idee auf das Leben im Mittelalter ohne Einwirkung, und erst in der neuesten Zeit das Leben zu gestalten beginnen sehen. *) Zum Beispiel: der Mosaismus hatte gesagt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, halte also deinen Nächsten gleichberechtigt mit dir, jeder Mensch sei also frei, du sollst daher deinen Nächsten nicht zum Sklaven machen, sondern nur zum Miethling, gieb ihn deshalb im siebenten Jahre frei und entlasse ihn, versehen mit Schafen, Getreide, Wein. Diese Idee allgemeiner persönlicher Freiheit hatte das Volk durch das Heidenthum, welches das Kastenwesen und die Sklaverei setzte, verloren; es gab daher die Sklaven nicht frei, beachtete das siebente Jahr nicht. Die Propheten konnten daher nicht auf Beobachtung des siebenten Jahres dringen, sondern sie mußten die Idee der Gleichberechtigung der Menschen allgemein hinstellen, getrennt vom Leben, als „Zerbrechung alles Joches, Aufhülfe der Unterdrückten rc." Sie konnten zum Volke nicht sagen: die Nachlese gehört dem Armen, der zweite Zehent des dritten und sechsten Jahres rc., sondern ganz allgemein: Brich dem Hungrigen dein Drod, und so fort. Was wir hier am Ende einer Entwickelung von 21/* Jahrtausenden als Folge aus der Geschichte heraus erkennen, das haben die Propheten am Anfang der gedachten Zeit schon klar und unzweifelhaft gesehen und ausgesprochen. Der Mosaismus, indem er Idee und Leben vereinigt aufstellt, konnte sich darum nur als an den jüdischen Stamm gerichtet darstellen. Die religiöse Idee wird Israel übergeben, das religiöse Leben soll Israel vollführen. Die Propheten aber, indem sie die Idee, aus dem Leben herausgezogen und für sich bestehend, indem sie die Idee in ihrer Allgemeinheit ohne spezielle Anwendung haben, haben auch das Bewußtsein, daß die religiöse Idee nicht bloß für Israel, sondern für die gesammte Menschheit sei. Die Erkenntniß eines einzigen, einigen, überweltlichen und heiligen Gottes, der in seiner Unmittelbarkeit zum gottebenbildlichen Menschengeiste Vorsehung, Richter und Offenbarer für diesen ist, und die Verwirklichung der allgemeinen Liebe durch allgemeine Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden, diese werden dereinst die gesammte Menschheit überkommen, durchdringen, vereinigen. Dies ist die hauptsächlichste Entwickelung, welche die Propheten der mosaischen Idee gegeben. Diese Lehre spricht der letzte wie der erste Prophet aus, diese Lehre wird von ihnen nach einander immer mehr entwickelt. Ja, diese Lehre geht sogar über die Propheten hinaus, von denen wir Schriften haben, sie ist die eigentliche Mutter des Prophetismus. Es ist nämlich höchst bemerkenswerth, daß wir bei Micha 4, 1—4 und bei Jeschaja 2, 2—4 an der Spitze einer prophetischen Rede, ganz gleichlautende Verse, welche diese Idee aussprechen, finden, die bei Micha korrekter und um einen sehr schönen Vers vermehrt sind. Man hat sich vielfach gestritten, bei wem diese Verse Original sind. Aber eine genauere Untersuchung zeigt, daß sie bei Beiden nicht Original sind, sondern daß die Verse einen ältern Prophetenspruch geben, welchen die beiden Propheten zitiren und aus besonderen Zwecken an die Spitze ihrer Rede stellen*). Die Verse lauten: „Sein wird's in der Folge der Zeiten: gegründet wird stehen der Berg des Hauses des Ewigen an der Spitze der Berge und über die Hügel erhaben, und zu ihm strömen alle Nationen. Und es gehen viele Völker und sprechen: Auf, hinan laßt uns ziehen zum Berge des Ewigen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen, *) Zitate finden sich bekanntlich bei den Propheten öfter.

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