Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 8 (15.2.1847)
- Date
- 1847-02-15
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
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121 mehr um sich und es genügt durchaus nicht mehr, dem Uebel auf Augenblicke abzuhelfen, sondern die Quelle desselben muß verstopft werden und zwar durch Herbeischaffung von genügender Arbeit und Beschäftigung, daß derart der Arbeitsuchende fernerhin nicht zum Bettel oder was Aergerem gezwungen, dem Arbeitsscheuen aber der Vorwand des Arbeitmangels und dadurch die Entschuldigung seines Müßigganges abgcschnitten werde.... Es wäre höchst wünschenswerth, daß dies Prinzip allgemein befolgt und das zeitgemäße Beispiel der hiesigen Israeliten reichliche Nachahmung finde, daß jede Gemeinde ihre Armen auf eine ehrliche und honette Weise zu versorgen suche, sie aber nicht nach allen Wettenden entlasse, wo sie leider nur zu oft neben dem Bettelauch manches andre unedle Handwerk treiben und ihrer Gemeinde wie der gesammtcn ungarische Judenheit Schande und Schmach bereiten. Das größte Uebel hiebei aber ist, daß — gestützt auf jenen Umstand — viele arbeitsscheue Schelme und Taugenichtse der benachbarten Lander sich für Ungarn, für Söhne dieser oder jener als bettlergesegnet berühmten Gemeinde ausgebcn und dadurch die ungarische Judenheit überhaupt und manche Gemeinde insbesondere unschuldigerweise in Verruf kommen. So wurden z. B. in letzter Zeit viele solche loseVögel, angeblich aus Preßburg, Gyöngyös, Dotis, Neustadt a. d. Waag u. a. O., hier gefänglich eingezogen. Ich — selbst ein Sohn der letztgenannten Gemeinde — ließ mir die Sache angelegen sein, zog auch bei mancher der betreffenden Gemeinden Erkundigungen ein und fand Folgendes: Die Meisten jener angeblichen Preßburger rc. sind Ausländer, die gewisser Streiche willen ihre Heimath verlassen mußten und nun nach dem freien Ungarn kommen, um hier ihr sauberes Gewerbe fortsetzen zu können, was ihnen hier um so leichter wird, da zu den vielen Privilegien und Vorrechten des ungarischen Adels auch das gehört: Jedermann unter seinen Schutz nehmen und ihn gu.i8i dem Arme des Gesetzes — das überhaupt bei uns noch nicht sehr geregelt — entziehen zu können. Der niedere blutarme Adel seilbietet nur zu oft dies Recht, indem er jenen losen Zugvögeln, die sich besonders in den Grenzorten (wie z. B. Preßburg an der österreichischen, Neustadt an der mährischen Grenze rc. rc.) in großer Menge aufhalten, Schutz und Obdach auf seinem Grund und Boden bietet und für gut Geld auch die glänzendsten Zeugnisse ausfertigt, mittelst welcher sie dann vom Stuhlrichter wie vom Komitate — das sich in keine nähere Untersuchung und Prüfung einlassen und dem aus seine Vorrechte eifersüchtigen Adel an keines derselben tasten darf — Reisepässe als Mitglieder dieser oder jener israelitischen Kommune erhalten — und mit diesen dann ihre Reise antreten.... Ich hielt diese kurze Aufhellung für nöthig, theils zur Ehrenrettung jener unschuldigerweise blamirten Gemeinden, theils zu zeigen, wie dringend nöthig es, dem tagtäglich mehr umsichgreifenden Bettelunwesen Einhalt zu thun und die eigenen Armen durch Anleitung zur Arbeit, zum Gewerbe, zum Ackerbau rc. einer ordentlichen und honnettcn Lebensweise zuzuführen. J. Ehn. Donaufürstenthümer. Jassy, 14. Januar. (Schles. Z.) Aus Gallacz sind traurige Nachrichten eingegangen; dieser Ort war nämlich in den griechischen Feiertagen der Schauplatz tumultuarischer Ruhestörungen, wozu die in der Moldau um diese Zeit gewöhnlichen Maskenaufzüge, welche Szenen aus der biblischen Geschichte darstellen, die nächste Veranlassung gaben. Es wurden hierbei die Juden nicht nur auf der Straße gehöhnt und gemißhandelt, sondern es drang auch ein auf 2000 Menschen angewachsener Volkshaufe am zweiten Feiertage Nachmittags vor das jüdische Bethaus, demolirte dasselbe und trug die Blätter der zerfetzten Schulbücher und der Tora als Trophäen in den Wirthshäusern herum. Am dritten Feiertage war der Tumult am Heftigsten. Kein Jude durfte ohne Lebensgefahr sich blicken lassen. Der wüthende Haufe drang endlich in mehrere Judenhäuser ein; einem preußischen Unterthanen zerschlug man Fenster und Thüren, beraubte ihn seiner Habe, und zerschmetterte vor seinem Angesichte sein kleines Kind, das man wüthend aus den Armen seiner Mutter riß, auf dem Steinpflaster. Endlich gelang es der Vermittelung insbesondere des englischen und des österreichischen Konsuls, die Ruhe und öffentliche Sicherheit wieder herzustcllen, die seitdem nicht wieder gestört worden ist. Die Untersuchung dieser traurigen Vorfälle, von denen man für den Handelskredit traurige Folgen befürchtet, hat bereits begonnen. Der hiesige preußische Generalkonsul Baron von Richthofen, hat sich in Folge dieser Nachrichten sogleich nach Gallacz begeben. 8*