Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 7 (8.2.1847)
- Date
- 1847-02-08
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
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110 - Tagen sind gekommen am Abend die Soldaten und Polizisten in großer Menge, und haben den ehrwürdigen Rabbi, den großen Gaon, weggeführt, man weiß nicht wohin, und in's Gefangniß geworfen, man weiß nicht wo!"— Bleich wie der Tod ward der Jüngling. „Und warum?" — „Man weiß auch nicht warum; man hat gesagt, ec hat geschrieben gegen die Gojim und ihre Emuna (Glauben) eine große Schrift, und darum ist gekommen die große Gesera (Verhängniß)." — „O Gott, o Gott! Und wo ist meine Mutter?" — „Großer, Allmächtiger, das wißt Ihr nicht? Eure Mutter hat man getragen vor acht Tagen nach dem Bet Olam (Kirchhof), und hat sie gelegt in die Erde, über sie komme der Frieden!" — Und noch bleicher ward der Jüngling, und Zittern überfiel seinen Körper, daß er an die Wand sich lehnte, und seine zitternde Rechte griff nach der linken Brust, und griff nach dem Rocke, und riß ihn in gewaltiger Hast am Brustlatz entzwei, und zerriß ihn hinunter bis auf den Leib. Eine grausige Pause. „Und meine Schwester?" schrie er wild auf. — „Daß ich möcht' liegen bei den im Staube Entschlafenen, daß ich Euch sagen muß lauter traurige Nachrichten. Als Euer Vater, der ehrwürdige Rabbi, der große Gaon, weggeführt war, hatte sich gesammelt ein mächtiger Pöbelhaufe vor dem Hause. Es waren lauter Gojim, denn unsere Leut' waren geflohen in ihre Häuser, die sie fest zugemacht und zugeriegelt. Und als die Soldaten und Polizisten waren fortgezogen mit Eurem Vater, dem ehrwürdigen Rabbi, dem großen Gaon, drang ein vermummter Pöbelhausen in's Haus, und sie warfen der jammernden Sara, Eurer Schwester, einen großen Schleier über den Kopf, daß sie nicht schreien konnte, und trugen sie fort, man weiß nicht, wer es gewesen, und man^weiß nicht, wohin! So haben sie es mir verzählt. Und als man das gemeldet bei der Polizei, ist man gekommen, und hat Alles versiegelt im ganzen Haus mit großen Siegeln. Mich hat aber der Parneß (Vorsteher) Mendel rufen laffen, und mich gesetzt, Ihr kennt mich wol noch, ich bin der Schammesch (Bote) Jekef, und Hab' Euch getragen oft genug auf dem Arm, als Ihr noch so groß wart — in ein Hinterstübchen, daß ich bewach' das Haus und all' die großen Sphorim (Bücher), die der Khilla (Gemeinde) gehören. Weiter weiß ich Nichts, und weiter thu' ich Nichts, und ich kann Euch nicht aufnehmen in das Haus, außer in das Hinterstübchen, denn es ist Alles versiegelt im ganzen Haus mit großen Siegeln, man darf sie nicht anrühren." — Jzt waren freilich die Schreckensnachrichten zu Ende, und die schlotternde, verlebte Gestalt, der Schammesch Jekef, wußte und that nichts weiter. Der bleiche Jüngling raffte sich zusammen, sein trocknes Auge schaute in den dunkeln Hintergrund: ob wol die geliebten Gestalten hervortreten mögen aus der Finsterniß, und den lügenhaften Traum verscheuchen, und die Leuchten des Glückes zünden würden? Aber die Finsterniß blieb, und die Lüge — war Wahrheit. Da schwankte er hinaus über die Schwelle des Vaterhauses, wo es so dunkel, und der Schammesch Jekef schlug die Thüre wieder hinter ihm zu, und schlürfte den Gang wieder hinunter, und murmelte: Daß sich der Heilige, gelobt sei er, erbarm'! So bist du wieder draußen in der Straße, theurer Jüngling, und wendest dem Vaterhause den Rücken, zu dem du doch mit so vollem Herzen geeilet. O, dein Herz war jetzt ein großes Schlachtfeld von Schmerzen, wo der Feind gesiegt und die Blüten der Jugend mit einem Male niedergemäht hatte mit der furchtbaren Sense, an der das Gift niedertroff. „Mein Vater gefangen, meine Mutter begraben, meine Schwester geraubt!... O Herr des Himmels, halte mich, halte mich!..stammelte seine Zunge. Und er konnte nicht weiter. Er setzte sich auf einen Eckstein, und sank zusammen. Droben wölbte sich ein hellblauer Himmel, des Mondes Sichel glitt langsam an ihm dahin, die Sterne funkelten hell. Auf den Straßen war es lebendig, Karossen rollten hin und her, Knaben jodelten, Händler schrieen ihre Maaren aus, die Menschen trieben sich vorüber. Der Jüngling saß zusammengesunken auf dem Eckstein. In ihm wühlte es; kaum wußte er: was; nicht wußte er wohin? Sein Vater gefangen, seine Mutter begraben, seine Schwester geraubt.... Das hatte er gefunden im Vaterhause. (Fortsetzung folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen i Vi Ngr. (1 gGr.) Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Verlagshandlung. Offene Lehrerstellen. In der Jakobsonsschule zu Seesen (Herzogthum Braunschweig) wird auf Ostern dieses Jahres ein Lehrer