Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 7 (8.2.1847)
- Date
- 1847-02-08
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225497-3225505--08357-3239164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
100 derte zugleich den rothen Shawt dem Thiere über die Hörner, den Kopf, die Augen. Furchtbar war der Stoß des Thieres in das Zeug, und von dessen Gewalt wurde der Jüngling zu Boden geworfen. Aber das Thier hatte sich mit den Hörnern und Vorderbeinen in den Shawl verwickelt, und als es sich hindurchgerissen, hatte es die Richtung verändert, und trabte einem andern Gebüsche zu. Dem Herrn sei Dank! es ist vorüber! seufzte der Jüngling, und erhob sich langsam vom Boden, denn der Fall war schwer gewesen, und mochte ihm manche Beule zugezogen haben. Unterdeß waren von dem Hülfe- und Wehgcschrei der beiden Frauen andere Spaziergänger herbeigerufen worden; man umringte den Jüngling, man belobte ihn, man half ihm auf; Einige eilten dem Stiere nach, um ferneres Unglück zu verhindern. Plötzlich stand ein Mann in feinster Tracht der Zeit, einen glänzenden Ordensstern auf der Brust, vor dem Jüngling, der sich vom Staube reinigte, eine hohe Gestalt, mit bewegtem Angesicht. „Sie haben mein Kind, Sie haben meine Gattin gerettet, edler, junger Mann! Wer sind Sie?" rief er ihm in französischer Sprache zu. Der Jüngling antwortete in derselben Zunge: „Es ist nicht von Bedeutung!" Jetzt erst besann sich der Fremde und sprach: „Sind Sie ein Franzose, daß Sie die heimische Sprache verstehen, die mir in der Verwirrung entfloß? Haben Sie Schaden erlitten?" — „Beides nicht," erwiderte unser Freund. „Ich bin in der Stadt geboren, die wir vor uns haben, aber ich kehre so eben aus Frankreich zurück, aus Metz, wo ich mehre Jahre zu den Füßen eines der größten Lehrer unsrer Nation gesessen." — „Sie sind Jude, wie ich bemerke," hob der vornehme Mann an, „aber was thut das bei uns? Sie haben mir mehr als mein Leben gerettet, wie kann ich Ihnen vergelten?" — „Was ich gethan, ist kaum der Rede werth, und nur wichtig, indem Gottes große Gnade mir es in die schwachen Hände gelegt, Menschenleben zu retten. Ich bedarf Nichts, denn mein Vater ist wohlansehnlich, der Rabbiner der bedeutenden Gemeinde in dieser Residenz. Man erwartet mich zu Hause, ich habe die Meinen noch nicht gesehen." — „So will ich Sie nicht aufhalten, aber ich erwarte mit Bestimmtheit, daß Sie morgen in mein Hotel kommen: ich bin der Gesandte Sr. Majestät des Königs von Frankreich." Hiermit drückte er dem Jüngling die Hand, und wandte sich schnell zu den Seinen, die in einiger Entfernung eine Karosse bestiegen hatten. Der Fremde setzte sich hinein, ein goldbetreßter Jäger schloß den Schlag, schwang sich hinten auf, und fortrollte die Karosse. Der Jüngling blickte ihnen träumend nach, dann schüttelte er sich, ergriff den ihm entfallenen Wanderstab, und ging langsamer seinen Weg von dannen. Bald hatte er die belebten Straßen der Stadt erreicht; die Sonne Hatte sich unterdeß zum Untergang gesenkt; in der Stadt sing es an zu dunkeln; als er weiter schritt, wurden Hunderte von Lampen gezündet, aus den Häusern begannen die Lichter durch die Fenster zu strahlen. Der Jüngling eilte die wohlbekannten Straßen hinunter, hier bog er um die Ecke, dort benutzte er einen Durchgang. Immer banger schlug ihm das Herz, immer rascher schlugen seine Pulse, fast zitterte fein eilender Fuß. O, meine Geliebten! stahl es sich von seiner bebenden Lippe. Jetzt lenkte er um die letzte Ecke; noch wenige Schritte, und er befand sich dem bescheidnen Vaterhause gegenüber. Ha! warum so dunkel? warum kein einziges Fenster erleuchtet? Hast du für den heimkehrenden Sohn keine einzige Flamme, Vaterhaus? Der Jüngling hielt bestürzt inne, wankte und hielt sich an einen Pfahl aufrecht. Viele Menschen eilten vor ihm vorüber, aber sie hatten nur einen flüchtigen Blick für den heimkehrenden Sohn des Rabbi, in dessen Herzen das dunkle Vaterhaus tausend Besorgnisse heraufbeschwor. Endlich faßte er sich, ergriff den Thürklöpfer, und ließ ihn kräftig fallen. Dumpf dröhnte der Schall durch das Haus, aber ungehört. Nichts regte sich in ihm; es schien verlassen, unbewohnt. Noch einmal und wiederholt ließ er den Klöpfec fallen, und seine Angst verstärkte den Schlag zum Donner. Endlich vernahm er ein Schlürfen auf der Hausflur. „Gleich, gleich! das Haus fällt ja ein!" rief eine ärgerliche Stimme von innen heraus. „O weh mir, wird's doch nicht so eilig sein!" Die Thüre ging auf, und eine schlotternde, verlebte Gestalt zeigte sich beim schwachen Strahl eines Lichtstümpfchens. „Wer seid Ihr? was wollt Ihr?" kreischte sie dem Sohne des Hauses entgegen. Dieser schritt eilends herein. „Ich bin Joseph Haller; wo ist mein Vater?" rief er mit angstdurchbebtec Stimme. „Joseph Haller? der Sohn des Rabbi? Ihr kommt aus Metz? Wch geschrieen, wozu seid Ihr gekommen! Daß sich der Heilige, gelobt sei er, erbarme, Ihr betretet Euer Vaterhaus zu einer unglücklichen Stunde!" — „Um Gott, was ist geschehen? Wo ist mein Vater?" — „Vor drei