Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 7 (8.2.1847)
- Date
- 1847-02-08
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Denn noch am vorigen Landtag blieb eine ähnliche Aufforderung unseres Oberoorstehcrkollegii ohne allen Erfolg, und die Judenschaft der hiesigen Stadt petirionirte damals allein. Jedenfalls hat ein solches Sichnaherrückcn der Gemeinden das Gute, daß durch das gegenseitige Bekanntwerden auch die Besprechung innerer Verwaltungsangelegenheiten ermöglicht wird, und somit auch die Verbesserung mancher obwaltenden Mängel erzielt werden kann. Schon diesmal stellte sich der Vortheil solcher Zusammenkünfte dadurch heraus, daß ein Antrag Geigers, einen Landcsvcrein, ähnlich dem zu Baden, zu gründen, mit vielem Beifall angenommen wurde. Derselbe soll zum Zwecke haben, jüdische Zustände unsrer Provinz nach allen Seiten hin zu verbessern. — Bei der allgemeinen Noth muß man die Handlungsweise unsrer hiesigen jüdischen Armenverwaltungskommission als eine sehr lobenswerthe bezeichnen. Nicht nur, daß sie bedeutende Quanten von Hülsenfrüchten und Kartoffeln unter dem Preise an die jüdischen Armen verabreichen läßt, erhalten noch die am Meisten Bedürftigen mehrere Pfund Brod täglich unentgeldlich. Der Wohlthätigkeitssinn unsrer Gemeinde bewährte sich wiederum auf's Neue. — Bei dem in vergangner Woche stattgefundenen Beschncidungsakt an Geigers Sohn wurde nur die rß-D hebräisch gesagt; alle übrigen Gebetformeln wurden von lli. Geiger in deutscher Sprache vorgetragen; ebenso das Tischgebet. — Vom ersten Juli d. I. erscheint Geigers wissenschaftliche Zeitschrift in monatlichen Heften. Wir können voraussetzen, daß unter einer solchen Redaktion wir nur Gediegenes wieder erhalten werden. Aus -Oberschlesien, J8. Januar. «Privatmitth.) Die Fortentwickelung unserer jüdischen Gemeinden nimmt in dem Maßstabe zu, in welchem man ihr von gewissen Seiten her so gern hemmend entgegentreten möchte. Die hierarchische Bevormundung unsrer Gcwissensrichter hat sich an dem gesunden Volkssinn gebrochen, und wenn auch hier und dort das mittelalterliche Phantom der Geistcszwingherrschaft seinen kindischen Spuk treibt, so ist doch im Allgemeinen eine rasche Beweglichkeit in geistcsfreien Richtungen nicht zu verkennen. Zwar beschränkt sich dieser Fortschritt meist nur auf die zeitgemäße Umgestaltung des Gottesdienstes, und sieht man jene Reformen, die die Möglichkeit einer Annäherung zwischen Leben und Religion bezwecken sollen, nur selten sich Bahn brechen, aber vertrauen wir dem Geist der Geschichte, der mit gemessenen Schritten durch die Zeitgenossen wandelt, und langsame aber sichere Resultate der Menschheit übergiebt. Die Gemeinden zu Neisse, Leobschütz, Neustadt, Oppeln, Schweidnitz haben theilweise den Choralgesang in ihre Gotteshäuser schon eingeführt, oder beabsichtigen ihn nächstens ganz einzuführen. Was wird der Herr Rabbiner D. dazu sagen, daß man seine weisen Rathschläge erst nicht abgcwarcet, sondern nach dem Bedünken eigner Intelligenz und nach dem Muster unsrer Hauptstadt zu reformiren begonnen hat? Da fällt uns eben ein, daß dieser Herr unser» letzten Bericht über dessen Lossagung von der Theologenversammlung widerlegt. Obgleich diese Widerlegung von invektivirenden Ausdrücken gegen uns belastet ist, so wollen wir dazu schweigen. Uns liegt wenig an Persönlichkeiten, wenn wir nur der guten Sache irgendwie einen Nutzen verschaffen können. Denn was wollen wir anders von euch, als daß ihr entnüchtert werdet, daß eure Amphibiennatur sich aufrüttele und den Geisteskampf der Zeit erkenne? Daß ihr aus eurer Abgeschlossenheit heraustretet zum Leben, und eure Stellung, wohin euch eure Gemeinden berufen, erfüllet? Versammelt euch mit wem ihr wollet, aber bringt nur mehr Flüssigkeit in eure zähe, starrgcwordene Lebensanschauung, und die waltende Macht der Zeit wird sich schon selbst den Tribut einfordern, den ihr bis jetzt zu zollen verweigertet. Breslau, 28. Januar. (Privatnütth.) Gestern wurde hier ein armer Jude zu Grabe gestattet. Der Tod eines armen Juden ein Ereigniß, zu dessen Erwähnung die Oeffentlichkeit beansprucht wird? Und doch! Dieser Tod hat uns einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Schichten des Lebens hinterlassen, er hat uns eine psychologische Seite an dem menschlichen Herzen gezeigt, auf die wir sonst so selten aufmerksam gemacht werden.— Der Verstorbene war mit einer von denen unter unseren Glaubcnsbrüdern, die ihr jüdisches Blut für die Sache der Freiheit hinopferten, die zum Kampfe gegen die französische Fremdherrschaft muthig auszogen, und mit ihrem edelsten Herzblute es besiegelten, was ihnen das Vaterland galt, die aber, zurückgekchrt von den glorwürdigen Siegen, an deren Erkämpfung auch sie einen schönen Antheil