Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-02-08 · Heft 7 (8.2.1847) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 7 (8.2.1847)
Date
1847-02-08
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225505--08347-3239154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 Heidenthume nicht durchdrungen, für die religiöse Idee ein angemessener Boden zu sein. So tritt denn der jüdische Stamm als Volk sofort mit seinem ganzen Inhalte, es tritt als Volk sogleich mit dem Mosaismus auf. Es kann hierüber kein gegründeterZweifet sein, denn wo wir auch von den spateren Schriften des jüdischen Stammes ausgehen, immer weisen sie auf ein Vorhergehendes als Wurzel, aus der sie gesprossen, hin, auf den Mosaismus. Wo wir in der Geschichte des jüdischen Stammes anfangen, immer zeiget sie den Kampf um ein schon Vorhandenes, den Mosaismus. Hieraus entspringt auch eine Ekgenthümlichkeit des jüdischen Stammes, die diesen von alten übrigen Völkern unterscheidet. Wahrend alle Nationen ihren Beruf nur nach und nach entwickelten, und das Bewußtsein dieses Berufes erst erhielten, wenn dieser Beruf fast vollendet war: hat der jüdische Stamm seinen Beruf und dessen Bewußtsein von seinem Beginne an. Der jüdische Stamm hat darum Geschichte von seinem Anfang an, aus einer Zeit, wo die übrigen Völker noch kaum die Fabel (den Mythos) hatten. Der jüdische Stamm weiß von Beginne an, was er soll, und wozu er da ist. Er kennt sich vom ersten Augenblick an als „Volk Gottes", d. h. als Träger der religiösen Idee. Es war aber nun kein Zufall, daß das jüdische Volk durch seine ganze erste Zeit immer wieder in Heidenthum verfiel. Es mußte und konnte nicht anders. Es lag in der Natur des Menschen, das Heidenthum zu produziren, und die Israeliten waren Menschen. Es mußte demnach das Heidenthum auch in ihnen auf und zum Vorschein kommen. Zwar, da ihr eigentliches Leben der Mosaismus war, entlehnten sie ihr Heidenthum von den Nachbarvölkern; aber hatten sie dies nicht gekonnt, so hatten sie sicherlich auch ein eigenes Heidenthum hervorgebracht. Daher zeigt sich dies schon in der Bildungszeit selbst, in der mosaischen. Daher ist es nicht etwa der jüdische Pöbel, sondern auch Fürsten, Könige, Priester, welche das Heidenthum immer wieder hereinriesen und förderten. Daher konnten alle Verdütungsmaßregln Nichts ausrichten, und Moses starb mit dem vollen Bewußtsein, daß sein Volk diesem Kampfe entgegengehe. Wahrend also die ganze übrige Menschheit ihren freien Entwickelungsgang der menschlichen Idee ging: war es das kleine Volk Israel, in welchem die religiöse Idee ihren ersten Kampf, mit diesem Volke selbst, aussocht. Hatte nun das Geschlecht Mosi's und Josua's allerdings den Mosaismus in dem Volke wurzeln lassen, so war die erste Periode des jüdischen Stammes, diesig. Richterzeit, der reine Naturzustand des Volkes, in welchem die Gegensätze ruhig neben einander bestanden, ohne sich geradezu zu bekämpfen; die Masse des Volkes warf sich bald dahin, bald dorthin; das Volk kannte sich noch nicht als Einheit, denn das Ansehen der einzelnen Richter dehnte sich immer nur über einen oder einige Stamme aus; man hatte stets um die bloße Existenz gegen die feindlichen Nachbarvölker zu kämpfen; der Mosaismus wie das Heidenthum waren Sache der Einzelnen, wie das Buch der Richter treffend mit den Worten schließt: „In jenen Tagen that ein Jeder was recht dünkte in seinen Augen." Jndeß waren die Richter, insofern sic das Volk gegen die Herrschaft der heidnischen Nationen aufcegten und anführten, von selbst schon auf die Seite des Mosaismus gedrängt, und mußten in dessen Namen und Geiste auftreten. Die letzten Richter aber, Eli und Samuel, gaben, als erweckte Männer, dem Mosaismus das Uebergewicht und bildeten ihn im Volke als Charakter aus. Ein tief entscheidender Schritt geschah, als das israelitische Volk die monarchische Staatsverfassnng annahm. Nicht daß damit eine geradezu antimosaische Staatsform angenommen, nicht daß damit ein geradezu heidnisches Element in das israelitische Volksleben gebracht wurdet): aber das Volk wurde dadurch eine Einheit, erhielt als Einheit eine menschliche Spitze, die über das Volk eine überwiegende Herrschaft ausübte, und so konnte es in Zukunft von der Persönlichkeit des Königs abhängen, ob der Mosaismus, ob das Heidenthum in Israel das herrschende Prinzip sein sollte. Es war aber vorauszusehen, daß die Könige bald um ihrer Herrschaft willen das Heidenthum begünstigen, den Mosaismus zu verdrängen suchen würden. Denn der Mosaismus will die Freiheit und Gleichheit, der Mosaismus legt das ganze Gewicht auf Seiten des Volkes, und der König ist ihm nur „Einer aus der Mitte seiner Brüder." Samuel sieht dies Alles ein, ist darum dem Könkgthum entgegen, und will dem Volke dafür die theokratische Idee geben — Gott, sagt die Schrift, giebt dem Samuel auf, dem Volke den Willen zu thun. Mit anderen Worten: es war mit dem Balanciren zwischen Mosaismus und Heidenthum Nichts gewonnen, der Kampf zwischen Beiden mußte ausgekämpft werden, und das König- *) S. dritte Wortes. No. 6.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.