Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 6 (1.2.1847)
- Date
- 1847-02-01
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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92 ohne welchen sie, wie er sagte, nicht weiter reisen könnten. „Der Verfasser des „Phädon" sich verzollen gleich dem Ochsen, das ist lustig," sagte er zu Sara; zu seinem Schwiegersöhne aber sagte er spöttisch: „Nun sch' ich erst ein, wie gut Lavater es mit mir meinte; wäre ich Christ geworden, könnte ich heute zwanzig Groschen ersparen." Doch fuhr er ernst fort: „Jude ist Jude, ob er mit Philosophemen oder mit alten Kleidern handle; gehorche ich den mosaischen Gesehen, muß ich auch den sächsischen Folge leisten." Er zahlte hierauf die zwanzig Groschen und Lübcl Schic eilte, den Verfasser des „Phädon" nebst den Seinigen zu verzollen. Als er in dem Zoll- und Geleits-Erpeditionsbüreau die vier jüdischen Personen nannte, die aus Potsdam kommen, und über Meißen und Leipzig reisen wollen, stutzte der Einnehmer doch etwas bei dem Namen Mendelssohn. „Wie ist mir doch — Mendelssohn aus Potsdam — von dem Manschet soll ich was gehört haben; hat er nicht Bücher geschrieben?" „Und was für Bücher!" sagte Löbel Schic. „Ei was, Jude ist Jude," siel ihm der Einnehmer in's Wort; er schrieb hierauf den Geleitszettel und nahm die zwanzig Groschen dafür ein. Den Tag darauf besuchte Mendelssohn die damals noch im Salon deS Zwingers ausgestellte, oder vielmehr eingeklemmte Bibliothek; denn das Lokal war beschrankt, daß die Bücher wie die Häringe eingeschichtet waren. Der Bibliothekar Daßdorf konnte sich nicht genug glücklich schätzen, den berühmten Mendelssohn in seinem Musentempel zu sehen; er erschöpfte sich ganz in Lobeserhebungen über Mendelssohns Verdienste um die Literatur, zeigte ihm mit unermüdeter Geduld alle Schatze der Bibliothek, und fragte ihn hierauf, wie es ihm in Dresden gefalle. „Ihre Stadt ist herrlich," antwortete Mendelssohn, „Ihr Land noch herrlicher, Ihr Kurfürst das Herrlichste, was ich nächst unserm Friedrich kenne; aber —" hier machte der Philosoph lächelnd eine Pause. „Nun, was mißfällt Ihnen bei uns?" fragte Daßdorf. „Daß die Gesetze hier berliner Juden und polnische Ochsen im Range gleichstellen." Und nun erzählte Mendelssohn die Geschichte mit dem Gcleitszettel und den zwanzig Groschen. Daßdorf stand dabei wie auf Kohlen, entschuldigte den Einnehmer theils mit strenger Pflichterfüllung, theils mit Mangel an Kenntniß der Literatur, und tröstete Mendelssohn, daß der Schnitzer gewiß gut gemacht werden wird. Dieser aber bat ihn, einer Sache nicht weiter zu gedenken, die kaum der Rede werth sei, empfahl sich und ging. Der für Alles, was Literatur und berühmter Mann ist, enthusiastisch eingenommene Bibliothekar Daßdorf ergriff hastig, sobald Mendelssohn fort war, Hut und Stab, flog gleichsam die Zwingertreppe hinab, um die ihm so entsetzliche Geschichte gleich bei der rechten Behörde anzubringen, nämlich bei dem geheimen Finanzrathe Freiherrn von Fcrber, in dessen Hause er Hofmeister gewesen war. Fcrber, nicht nur ein tüchtiger Staatsmann, sondern auch Freund und Kenner der Literatur, fand die Geschichte ebenfalls sehr ärgerlich, theilte ganz Daßdorfs Furcht, daß die berliner Gelehrten sich gewiß in öffentlichen Blättern darüber lustig machen werden, und eilte sogleich, den Kabinetsminister Freiherrn von Gutschmid davon in Kenntniß zu setzen. Den nächsten Morgen schon ward dem geheimen Finanzkollegium mittels allerhöchsten Reskriptes anbefohlen, dem berliner Gelehrten, mosaischer Religion, Herrn Moses Mendelssohn, die ihm abverlangten zwanzig Groschen zurück, und ihm zugleich zu erkennen zu geben, daß er sich mit seiner Familie in Dresden nach Belieben aufhalten könne, ohne die mindesten Abgaben deshalb zu entrichten. Mendelssohn freute sich der Auszeichnung, die ihm der Kurfürst angedeihcn ließ, und schenkte die zwanzig Groschen mit einer zehnmal so starken Beilage der Armenkasse. Weit froher aber war Daßdorf, dem, wie er nachher oft versicherte, diese „entsetzliche Geschichte" eine schlaflose Nacht verursacht hatte. Deutschland. Heidelsheim bei Bruchsal (Baden), 12. Januar. (Privatmitth.) In der Gegenwart, wo man so oft die Reibungen zwischen Rabbiner und Gemeinde zu beklagen hat, wird es Ihnen, hochgeehrter Herr, gewiß angenehm sein, einen Bericht aus einem Rabbinatsbczirk zu erhalten, wo Rabbiner und Gemeinden vom Geiste der Liebe und Eintracht durchdrungen,