Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 6 (1.2.1847)
- Date
- 1847-02-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 das wahre, den Menschen beseligende, das Diesseits des Menschen beglückende Leben m's Herz senkt: so ist es im Speziellen der Grundgedanke des Mosaismus, das sittliche Bewußtsein des Menschen über alles Sinnliche und Weltliche zu erheben, und jenem so die Herrschaft über das Sinnliche und Weltliche zu sichern. Darum kann der Mosaismus, der den Menschen als Einheit betrachtet, bei der Heiligung in der Idee nicht stehen bleiben, sondern muß diese auch innerhalb der Sinnlichkeit und Weltlichkeit sichern. Zuerst das Sinnliche. Wenn auch der Mosaismus die Verschiedenheit des Geistes und Leibes setzte, so sieht er doch den Menschen eben als Vereinigung Beider an; der Leib ist ihm der Träger des Geistes, und der menschliche Leib steht ihm daher auf einer Höhe, auf welcher er allein geeignet ist, der Träger des gottebenbildtichen, des sich heiligenden Geistes zu sein. Alles, was daher den menschlichen Leib gleichsam herunterziehen, depraviren, oder dem Leiblichen ein Uebergewicht über den Geist geben kann, ist ihm zuwider, weil er das sittliche Bewußtsein des Menschen stört, die Heiligung aufhebt. Die Heiligung des Geistes wird ihm hier zur Reinigkeit des Leibes, und wo das Entgegenstehende aus natürlichen Gründen nicht zu vermeiden ist, ist ihm eine Reinigung, zum Theil materiell, zum Theit symbolisch nothwendig. Die Berührung des Menschen mit Todtem oder Todtmahnlichem, wie dem im Morgenlande so furchtbar wüthcnden Aussatze, verunreinigt und erfordert eine Reinigung. Das geschlechtliche Leben giebt der Sinnlichkeit eine überwiegende Macht, und ist daher sowol bestimmten Gesetzen zu unterziehen, wie wir oben bei der Ehe bemerkt, als auch erfordert es eine Reinigung. Insbesondere ist es aber dem Mosaismus die Aufnahme von Speise, welche den Leib als Träger der gottebenbildlichen Seele zu depraviren vermag. Nicht die Pflanzenspeise, aber der Genuß thierkscher Speise kann den Leib zu sehr animalisiren. Einentheils diejenigen Theile des Thieres, welche vorwiegend das Leben des Thieres enthalten, wie das Blut, von dem die Schrift sagt, es enthalt die Seele des Thieres, dürfen nicht in den Leib des Menschen übergehen, weil sie ihn verthieren würden. Anderntheils diejenigen Thiere, welche selbst von Aas und Fleisch leben, die Raubthiere, Raubvögel, oder in ihrer Art unvollkommen organisirt sind, wie die ohne Wiederkauung und gespaltene Klauen, die schuppenlosen Fische, oder die überhaupt auf einer niedrigen Stufe der Organisation stehen, wie Insekten, Amphibien, Würmer—sollen nicht gegessen werden, um den menschlichen Leib nicht herunter- Huziehen, und mit unvollkommener Organisation zu durchsättigen. Es liegt demnächst allem Diesem eine tiefe Naturanschauung zu Grunde. Wie aber das Sinnliche, so auch das Weltliche. Der Mosaismus würdigt das gewerbliche Leben des Menschen in seinem ganzen Werthe, und erkennt es als eine ihm von Gott ertheilte Bestimmung. Aber er erkannte auch die Gefahr, welche aus dem völligen Versenken des gottebenbildlichen Geistes in das gewerbliche Leben für das geistige, religiöse Leben entstehen muß, sehr wohl. Es müssen daher in das gewerbliche Leben des Menschen regelmäßig Zeiten eintreten, in denen er dem gewerblichen Leben völlig entsagt um so co ipso zum Leben im Gerste zu kommen, und sich der geistig-religiösen Erhebung hinzugeben. Dies ist der Sabbat, eine Institution des Mosaismus, die sich die zivilisirte Welt gewonnen hat. Sechs Tage arbeite, lebe dem gewerblichen Leben, aber am. siebenten ruhe. Es lag nun im Geiste des Mosaismus, diese Institution des Sabbats nicht so äußerlich stehen zu lassen, sondern ihm auch eine tiefere Beziehung zur Religion selbst zu geben. Er verknüpfte daher mit ihr das Bewußtsein Gottes als Schöpfer der Welt und über der Welt seiend, und so wurde ihm der Sabbat zugleich zum Träger der Idee und Anerkenntniß dieses Gottes, der Basis des ganzen Mosaismus. Eine absichtliche Verletzung des Sabbats wurde ihm so eine Verletzung, Vernichtung seiner selbst, des ganzen Mosaismus. Außer diesem Sabbat war es folgerecht, daß der Mosaismus noch in gewissen Perioden Zeiten eintreten ließ, welche das religiöse Verhaltniß des Menschen zu Gott naher zum Bewußtsein tragen sollten.- Feste, die nun in ihrer Idee (Heils in der Nationalität, also in der Geschichte Israels, wurzelten, wie Peßach und Sukkot, theils in den Naturgaben, der Ernte, wie Schebuot und Sukkot, theils aber auch in dem allgemein Menschlichen, wie der Versöhnungstag, zu dem der Jom Terua eine Einleitung und Vorbereitung. Der Versöhnungstag, als allgemein menschlichem Inhalts, mag uns noch einen Augenblick festhalten. Wir haben gesehen, daß der Mosaismus die Sünde, als den Gegensatz der Heiligung, scharf hervorgehoben, daß er sie wesentlich als die Störung des Verhältnisses der gottebenbildlichen Seele zu Gott betrachtete, daß er aber ihre Aufhebung durch Zurückkehren zur Heiligung anerkannte, so wie die der Sündhaftigkeit durch die Reue, vermittelst der Barmherzigkeit Gottes. Daß der Mosaismus diese Rückkehr und