Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1847)
- Date
- 1847-01-25
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 halt gezogen werden *), b) Zeit und Verhältnisse müssen abgezogen werden, um das in allen Zeiten und Verhältnissen Geltende übrig zu behalten**). Nur wo diese beiden Regeln in Anwendung gekommen, sind wir sicher, Nichts in den Mosaismus hinein zu tragen, was nicht in demselben enthalten ist. Welches ist nun das oberste Prinzip der Sittlichkeit im Mofaismus? Der Mosaismus hatte den Geist des Menschen als ebenbildlich mit Gott gesetzt; eine nothwendige Folgerung dessen ist als oberster Grundsatz der Sittlichkeit der Ausspruch: „Du sollst Dich heiligen, wie der Ewige dein Gott heilig ist." Aus diesem höchsten Grundsatz ergeben sich drei Folgerungen: 1) die Grundlage des Guten liegt beim Mosaismus nicht im Menschen selbst, sondern in Gott. Daher ist das beim Menschen gut, was auch bei Gott gut ist; und der Mensch soll das Gute thun, weil es auch bei Gott gut ist. Es ist hierdurch unendlich viel gewonnen. Einerseits hört alle menschliche Unzuverlässigkeit dadurch auf: wir wissen auf diesem Boden allein in der That, was gut ist, weil nur bei Gott von aller Persönlichkeit, von allem Egoismus abstrahirt ist. Andrerseits ist der Zweck des Guten sicher gestellt, denn nicht die Befriedigung des Menschen, sondern die Annäherung an Gott, ist als Zweck hingestellt. 2) Es kann hier von keiner nur formellen Heiligung die Rede sein, da die Heiligung des Menschen auf die Heiligkeit Gottes zurückgeführt wird. Es ist also nicht die religiöse Zeremonie, es ist nicht ein s. g. gottesdienstlicher Akt, sondern es ist sowol das geistige als das praktische Leben, welches diese Heiligung ausführen soll, da bei Gott keine Form, sondern Eigenschaft und That heilig ist: der Mensch muß also nach diesem Grundsatz sich in seinem Geiste und in seinem Leben heiligen. 3) Dieser Grundsatz begreift eben die Einheit des ganzen Menschen. Religion, Sittlichkeit und bürgerliches Leben stehen nicht als getrennte Momente da, die nur eine ideale, keine wirkliche Vereinigung haben, sondern die Heiligung befaßt sie alle zusammen. Eine gottähnliche Heiligung kann nicht Religiosität *) In dem speziellen „Pflüge nicht mit Ochs und Esil zusammen" ist das Allgemeine, vereinige nicht widernatürlich Getrenntes, Verschiedenartiges, enthalten. **) Zufluchtsstädte für den absichtslosen Mörder sind nur der Sitte der „Blutrache" gegenüber verständlich, enthalten aber das Allgemeine: Erwäge nicht die That an sich, sondern die in ihr verwaltende Absicht des Thäters. ohne Sittlichkeit, und Sittlichkeit ohne bürgerliches Leben zulassen, sondern überall muß dieselbe Richtung hindurchdringen. Folgen wir nun dieser Heiligung dahin, wo sie sich in die einzelnen Verhältnisse des Menschen versenkt, so ist dem Mosaismus der Mensch überall das selbstständige Individuum mit vollgültigem und vollberechtigtem Dasein. Der Mosaismus fordert durchaus nicht vom Menschen eine Entsagung seiner selbst, eine Entkleidung seiner Persönlichkeit, sondern im Gegentheil erhebt diese Persönlichkeit zu ihrem vollen Rechte. Die Heiligung tritt daher im Mosaismus überall als Liebe auf. Denn die Liebe ist, nicht die Vernichtung, sondern die Hingebung seiner selbst, und diese Hingebung bethätigt die Persönlichkeit erst recht, so wie das Recht des Besitzes erst wahrhaft bethätigt wird, indem ich des Besitzes mich entäußere. Innerhalb der Liebe wird der Mensch in seinem ganzen Wesen von einem Gefühle durchdrungen, und indem er gerade dadurch zum Vollgefühl seines Wesens kommt, giebt ec es einer höhern Beziehung hin. Daher stellte der Mosaismus im Verhältniß zu Gott den obersten Satz auf: „Liebe den Ewigen deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen." Gerade in dieser breiten Aufzählung tritt die Persönlichkeit in allen ihren Momenten auf, wird, selbst Gott gegenüber, als vollgültig anerkannt, soll nun aber in der Liebe diesem Gotte sich gänzlich hingeben. Eben so im Verhältniß zu dem Menschen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst." Auch hier tritt das Selbst des individuellen Menschen als vollberechtigt auf, soll sich aber in der Liebe mit gleicher Energie seinem Nebenmenschen hingeben, wie eben von Natur sich selbst. Der Mosaismus steht also auf dem höchsten Standpunkt, wo der Mensch Mensch ist in seinem ganzen, vollen Rechte, wo der Mensch aber um seines höhern Endzweckes willen nicht sich vernichtet, sondern hingiebt. Und dies ist eben die Heiligung. Alle sich abquälende, sich selbst vernichtende Asketik ist ihm fern. Daher ist im Mosaismus die Gottesverehrung, der Gottesdienst dem Individuum ganz frei gegeben. Man wird diese Behauptung sehr auffällig finden, da ja der Mosaismus einen bis in's Kleinste sorgfältig und streng vorgeschriebenen Kultus enthält. Allein dieser mosaische Opftrkultus betrifft nur das ganzeVolkJsraet, nicht die Individuen. Es ist ein einziges allgemeines Heiligthum für das ganze Volk da; in demselben wer-