Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1847)
- Date
- 1847-01-18
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
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65 durchbrochen. So lange nicht die bessere Ueberzeugung einzelner ungarischer Israeliten aus dem Ideenreiche hinaus und in's wirkliche Leben tritt, so lange nicht das todte Wort sich zur lebendigen That gestaltet, so lange wird das arme Judenthum auch bei uns blos kümmerlich vegetirm, ohne sich je einer lebenden Frucht zu erfreuen. Was die Fortschritte im Judenthume bei uns endlich drittens und vielleicht noch am Meisten erschwert, ist das scheue Jsolirtsein unserer Reformatoren. Wol wünscht Jeder derselben sehnlichst eine zeitgemäße Umgestaltung der Dinge ist auch wol hie und da im Stillen bemüht, ein Schärflein zur Realisirung des im Innern Gehegten beizutragen; allein jene Wünsche und Bemühungen stehen leider noch zu sehr vereinzelt da. Bon einem Zusammentretcn der einzelnen Kräfte zu einem gemeinschaftlichen Wirken ist noch gar keine Rede, und doch können wir blos von dem Letztem etwas Segenreiches erwarten! So lange jeder Einzelne seine Klagen, Ansichten und Wünsche in der eignen Brust verschließt und seine innigste Ueberzeugung als ein gut zu verwahrendes Eigenthum betrachtet, oder so lange nur der Einzelne gegen die Borurtheile der Orthodoxen und Nichturtheile der Indifferenten in die Schranken ziehet, so lange ist für unsre Religion in Ungarn Nichts zu hoffen. Der Einzelne wird den Sturm Jener nie zum Schweigen, die Grabesstille dieser nie in Bewegung bringen. Nur das harmonische Ganze der vereinigten Kraft kann die schwierige Aufgabe lösen. Während die Stimme des Einzelnen, dort als Ketzerei verdammt und hier als Schwärmerei verhöhnt, in ein unbedeutendes Nichts zerfließt, weckt der vereinigte Ruf hier die schlummernden Gefühle, dort das schlafende Bewußsein und lenkt die Aufmerksamkeit Beider auf ein nie geahntes Gut und ist nur erst Jene rege geworden, dann ist schon der wichtigste Schritt gethan. Wenn wir von einer auch bei uns zu wünschenden und zu erwartenden Reform im Judenthume sprechen, dürfen wir auch einige anderweitige, äußere, Hindernisse, welche sich derselben entgegenstellen, nicht unbeachtet lassen. In Ungarn muß jeder Fortschritt im Judenthume blos von dem Laien aus gehen. Bei Weitem die größere Zahl unserer Rabbinen gehört leider noch zu den Gespenstern vergangener Jahrhunderte, die ihr Wesen bloß im Dunkeln treiben und mit dem ersten Dämmerlichte in ein Nichts verschwinden. Wer mag es diesen verargen, wenn sie den Anbruch des Tages durch allerlei sophistische Nebel und heraufgezauberte gewitterdrohcnde Wolken zu verzögern suchen? Die geringe Anzahl derjenigen hingegen, die vielleicht etwas Besseres könnten und wollten, sind theils zu sehr in ihrer Existenz beschränkt, theils — mit herzlichem Bedauern muß ich es sagen — mehr damit beschäftigt, ihr eignes werthes Ich zu illustriren und zur Schau zu stellen, als den zeitgemäßen Forderungen an ihren Beruf zu entsprechen. Der Laie ist daher blos auf sich selbst angewiesen, was unstreitig seine großen Schwierigkeiten hat. Das von der Hierarchie um den Israeliten geschlungene Gängelband ist bei uns noch allzustraff angezogen, um sich demselben so leicht entwinden zu können. Mag man noch so sehr die Unwürdigkcit des Führers, das durch die Zeit bereits morsch gewordene Gewebe oder die Würde des zu höherer Selbstständigkeit herangerciften Israeliten beweisen, cs fehlt gewöhnlich an Muth, der bereits zur Natur gewordenen Gewohnheit zu entsagen. Man scheuet es, dem keifenden Gepolter der Rabbinen, dem von ihnen vertretenen Unsinn öffentlich entgegen zu treten, obwol ein gewisses Etwas, wenn auch nicht immer klare Ueberzeugung, im Innern laut dazu mahnt. Diese Schwierigkeit darf indessen nicht zu sehr abschrecken. Wird doch oft der sinkende oder gar schlummernde Muth ganzer Massen, selbst im blutigen Kampfe, durch das siegende Beispiel Einzelner wunderbar belebt! Uebrigens soll auch nicht die Reform durch Laien geschehen. Durch das Zusammentreten und Zusammenwirken dieser soll auch Jene nicht beendet, sondern blos der Impuls dazu gegeben werden; blos die Art und Weise in Anregung und Anwendung kommen, wie die Masse von der Nothwcndigkeit eines Fortschrittes zu überzeugen und dazu aufzumuntcrn und zu bewegen wäre. Sollte dieses gelingen, im Volke selbst das Verlangen nach einer Umgestaltung der Dinge erwachen, dann dürften unsere Rabbinen, wenn sie anders ihre Bedeutung nicht ganz auf's Spiel setzen wollten, gezwungen werden, ihre thätige Mitwirkung dem zeitgemäßen Werke angedeihen zu lassen. Eine andre, minder leicht zu beseitigende Schwierigkeit liegt in dem Systeme unsr-r Sraatsvcrfassung,