Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1847)
- Date
- 1847-01-18
- Page
- Seite 64 (sequence 16)
- Language
- German
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64 borgen ist, als mancher Korrespondent aus Ungarn glaubt oder glauben machen will. Denn außerdem, daß Jene das matte Lebensflammchen, wenn auch allzuängstlich und durch verkehrte Mittel zu erhalten suchen, entwickelte sich bereits aus ihrer Mitte eine lebendige Reaktion und wo eine solche sich zeigt, braucht die Hoffnung noch immer nicht ihre Fackel zu verlöschen. Aus diesem Gesichtspunkte muß auch, meines Erachtens, die erste ungarische Rabbinerversammlung beurthcilt werden. Trotz der Einseitigkeit ihrer Veranlassung, der Mangelhaftigkeit und Verwirrung in den Debatten, so wie der Geringsügigkeit der Resultate gab sich in derselben doch schon das Gefühl kund: es müsse etwas geschehen. Es regte sich schon eine gewisse dunkle Ahnung: der Zeitgeist müsse doch keine so fürchterliche Visage haben, als man bisher geglaubt hatte und es hatte vielleicht nur einiger energischer Charaktere bedurft, um dem gefürchteten Gaste, wenn auch nur der Neugierde wegen, Entree zu verschaffen. Im Schooße der erwähnten Parteien entwickelt sich nun in der Neuzeit auch bei uns eine dritte, sogenannte moderne oder eigentlich reformative. Diese ist von einer doppelten Ueberzeugung durchdrungen: wenn Religion überhaupt ein unabweisbares Bedürfnis; für Herz und Geist ist, so muß dem Israeliten die Seinige, zugleich als ein ehrwürdiges Denkmal seiner historischen Vergangenheit, doppelt wcrth sein; er muß es sich mit Stolz sagen: meine Vorfahren waren die Ersten, welche durch eine göttliche Offenbarung auf eine höhere Stufe der Menschheit geführt wurden, die von ihnen empfangnc göttliche Gabe muß ihren Nachkommen ein heiliges, unantastbares Gut bleiben. Andrerseits wird es zur innern Ueberzeugung, daß die ewigen Wahrheiten der Religion einer äußern Hülle oder Form bedürfen. Soll das Endliche zur Ahnung des Unendlichen gelangen, so bedarf es einer gewissen Anschauung, um von dem Bekannten und Begreiflichen auf das Unbekannte und Unbegreifliche schließen zu können. Aber eben jene Form als idealer Repräsentant des Unendlichen, ist sehr wandelbar und gestaltet sich, je nach dem jedesmaligen Stande der Begriffe und Urtheile, nach den verschiedenen Perioden des Individual- und Volkslebens, so wie nach dem mannigfachen Wechsel der politischen und bürgerlichen Verhältnisse, immer anders und anders. Die innere Ueberzeugung also, die mosaische Religion, als kostbares Vermachtniß der Vorzeit, erhalten, so wie das klare Bewußtsein, das Formelle derselben den jetzigen Begriffen und Verhältnissen gemäß umgestalten zu müssen, charakterisirt einen leider noch geringen Theil unserer Glaubensgenossen in Ungarn und dieser dürste der fruchtbare Boden sein, in welchem die zarte Pflanze des Fortschreit ens im J udenthume gedeihen könnte, wenn nicht mannigfache Fehler in Anlage, Wartung und Pflege das Mißrathcn derselben befürchten ließen. Erstens wird von den Meisten unserer Reformatoren, bei den abzusteckendcn Fortschritten, der Maßstab dem um viele Dezenicn vorgecilten Deutschland entlehnt. Wol hat dort das erste Dämmerlicht durch das nächtliche Dunkel schlummernder Jahrhunderte gebrochen. Wol hat von dorther ein neuer, besserer Geist im Judenthume seine Wanderungen durch ganz Europa begonnen. Allein noch hat dessen Fuß kaum Ungarns Fluren betreten; kaum noch die starren Glieder entfesselt, den umdüsterten Blick für das Strahlenlicht der Wahrheit kaum empfänglich gemacht und schon wollen wir den Olymp stürmen, um den Händen des greisen, trübsichtigen Orthodorismus mit einem Schlage die Herrschaft zu entwinden? Während in Deutschland bereits an Religionsporosodie laborirt wird, haben wir kaum noch die ersten Wehen des Buchstabirens überwunden und müssen daher noch lange und behutsam die Etymologie menschlicher Schwächen und Vorurtheile studiren, bevor wir uns an das eigentliche klassische Alterthum wagen dürfen. Ein zweiter Fehler unsrer sogenannten resormativcn Partei ist, daß sie sich mehr kontemplativ als aktiv verhält; mehr geneigt ist, sich abstrakten, philosophischen Grübeleien über die bereits zurückgelegten Stufenjahre unsrer Religion und deren Makrobiotik hinzugeben, als energisch aufzutreten und die geeignetsten Mittel zur kräftigen Belebung der Dahinwelkenden in Anwendung zu bringen; mehr geneigt, sich in die Festungswerke innrer Ueberzeugung zurückzuzichen, als dem Feinde in offnem Felde kühn entgegen zu treten. Wol versucht hie und da Mancher, in irgend einem auswärtigen Blatte einen Ausfall und wirst mit Schmähungen und Witzeleien um sich, ohne in der Heimakh ein lautes Wort oder gar einen thatkräftigen Schritt zu wagen. Allein mit bloßen Jdeendemonstrationen oder Phrasenplänkeleien wird der alte, starre Phalanx der Orthodoxen nicht